Die Zeit…

Interview mit Heike Faller – Sie nimmt sich DIE ZEIT um unsere Fragen zu beantworten – und Björn Stockleben- Er unterrichtet unter anderem an der Universität Hamburg zum Thema „Journalismus“ und ist selbst auch journalistisch im Bereich des Radios tätig.

Welchen Herausforderungen muss der Journalismus entgegentreten und wie tut er das?
Dafür ein riesen Dankeschön an Sie.
Heike Faller | ZeitMagazin

1. Jeder kann zum publizistischen Akteur werden. Wer, denken Sie, wird
in Zukunft aktiv die Medien mitgestallten?

Jeder, der etwas zu sagen hat und wofür Leute Geld ausgeben würden – egal ob in Buchform, auf dem Blog, Ipad oder auf Papier.

2. Welche Voraussetzungen würden Sie an einen Journalisten im 21. Jhd.
stellen, was sollte/muss er können?

Ich denke, die Anforderung sind dieselben wie im 20. Jahrhundert:
Etwas Interessantes (Lustiges, Relevantes, Skandalöses) auf eine ansprechende Weise sagen – und jemanden finden, der einen dafür bezahlt.
Online-Journalisten brauchen natürlich noch ein paar Internet-spezifische Fähigkeiten, von denen ich aber nicht wirklich viel Ahnung habe.

3. Das Internet hat zu vielen Veränderungen in der journalistischen
Welt geführt. Welche konkreten Auswirkungen hat das auf den
Journalismus? Welche Probleme/Chancen sehen Sie dabei?

Über diese Frage schreiben andere Leute ganze Essays. Ich sehe zwei grobe Entwicklungen:
In Tageszeitungen findet sich immer weniger, was man nicht schon kostenlos im Netz finden kann. Das heißt Tageszeitungen bekommen zunehmend Probleme.
Selbst für Wochenzeitung gilt das. Eine Chance kann sein, dass man immer mehr das liefert, was eben nicht auf Google News steht: recherchierte, gut erzählte, besonders aufbereitete und damit teure Themen. Wer das hinkriegt, für den ist es eine Chance, wem die Mittel fehlen, für den ist das ein Problem. Ich finde aber, dass es bei vielen Zeitungen generell zu einem besseren Journalismus geführt hat.

4. Denken Sie, dass die traditionellen Medien ihr Konzept verändern
müssen, um bessere Chancen im Zeitalter des Internets zu haben?

Sie müssen – siehe oben – etwas liefern, was es nicht kostenlos im Internet gibt. Geschichten, die man nicht mehr weglegen kann, weil sie so spannend sind, Geschichten, die etwas aufdecken, die einen besonderen Zugang bieten. Und ich finde, dass viele Zeitungen viel verständlicher geworden sind und nicht mehr so einen Insider-Diskurs pflegen, in dem es das Problem des Lesers/der Leserin war, ob sie nun verstand worum es ging, oder nicht.

 

 

 

 

Björn Stockleben:

 

1.Jeder kann zum publizistischen Akteur werden. Wer, denken Sie, wird in Zukunft aktiv die Medien mitgestallten?

 

Jeder hat die technischen Möglichkeiten etwas ins WWW zu stellen, sei es über Social Media Plattformen oder eigene Webangebote, das ist richtig.

Den Begriff “publizieren” oder auch gerne “veröffentlichen” will ich aber differenzieren: Die technische Bereitstellung ist nur ein Teil davon, sie sorgt dafür, dass erstellte Inhalte von der Netzöffentlichkeit wahrgenommen werden können. Ob es allerdings tatsächlich zu dieser Wahrnehmung kommt, hängt allerdings von viel mehr Faktoren ab. Wenn wir also in diesem Sinne fragen, ob jede_r Inhalte publizieren kann, ist die Antwort ein ganz klares Nein.

 

Ich würde eher sagen, dass sich jede_r die/der es ernsthaft und ausdauernd verfolgt und auch ein gewisses Minimum an Talent hat, die Fähigkeit zu Publizieren erarbeiten kann. Im Gegensatz zu früher ist kein riesiger Produktions- und Distributionsapparat notwendig, jede_r, die/der publizieren möchte, hat die Werkzeuge zur Verfügung und startet vom gleichen Ausgangspunkt. Naja, nicht ganz, große Medienunternehmen haben einen immensen Aufmerksamkeitsbonus aus der Vor-Internet-Zeit hinübergerettet, mit dem sie mehr oder minder erfolgreich arbeiten.

Zum Thema Aufmerksamkeit habe ich vor einiger Zeit mal etwas in meinem Blog geschrieben (http://mediaball.tumblr.com/post/6042016862/attention-fields-american-idol) und einen Vortrag auf unserer Konferenz gehalten ( http://www.amazon.de/Think-CROSS-Change-MEDIA-Standortbestimmung-ebook/dp/B00B2XK5A4/ref=sr_1_3?ie=UTF8&qid=1391080838&sr=8-3&keywords=think+cross ).

 

Die beiden bestimmenden Faktoren sind aus meiner Sicht:

Große Produktions- und Distributionsapparate sind nicht mehr zwingende Bedingung, um zu publizieren. Die Konsequenz daraus ist, dass kleine, spezialisierte Produktionsfirmen und Freelancer ihre Inhalte mit “Content Seeding”-Strategien verbreiten. An die Stelle großer, integrierter Konzerne treten vermehrt Netzwerke, die diese kleinen, selbständigen Einheiten locker verbinden und zentrale Dienstleistungen zur Verfügung stellen.

Ein Beispiel dafür sind z.B. youTube Netzwerke ( siehe http://www.gugelproductions.de/blog/2013/deutsche-youtube-netzwerke-im-uberblick.html ).

Die Huffington Post fällt letztlich auch in diese Kategorie. Sie ist ein Aufmerksamkeits-Inkubator für Blogger und vermarktet diese Position gegenüber den Blogger_innen auch äußerst selbstbewusst (das kann man kritisieren, aber die Frage, ob die Huffington Post das Ende oder die Wiedergeburt des professionellen Journalismus ist, ist meines Erachtens völlig offen. Wahrscheinlich ist es mal wieder irgendwas dazwischen, aber das kann man ja nicht schreiben, will ja keiner lesen).

Die erwähnten kleinen Produktionsfirmen und -netzwerke werden aus meiner Sicht tendenziell diejenigen sein, die den professionellen Journalismus am ehesten fortschreiben, mit einer Orientierung an den Rezipienten, die sie als Kunden sehen und hoffentlich auch mit dem Anspruch an guten Journalismus. Sie werden damit ihren Lebensunterhalt bestreiten und dies auch können.

 

Publizieren ist anstrengend, auch im WWW (von dem wir meistens sprechen, wenn wir vom Internet reden). Deswegen muss eine entsprechend große Motivation dafür vorliegen. Neben denjenigen also, die mit journalistischen Inhalten ihr Geld verdienen (eine recht klare Motivation), wird es noch diejenigen geben, die sich vom Publizieren andere Vorteile erhoffen. Zunächst sind da diejenigen, die die gewonnene Aufmerksamkeit als Grundlage für sekundäre Geschäftsmodelle nutzen können, z.B. Vorträge und Lehraufträge oder auch die verbesserte Aussicht auf einen großartigen und gut bezahlten Job. Da gibt es eine Überschneidung mit den vorherigen Überlegungen.

Diese Leute sind entweder spezialisierte Journalisten à la Niggemeier oder Gutjahr, die ich zum professionellen Journalismus zählen würde, sowie tendenziell monothematische Experten wie Sascha Lobo (der ist nicht das schlimmste Beispiel), die eher ihrer eigenen Meinung wegen gehört werden, als dass sie journalistisch arbeiten würden.

Schließlich wird es aus meiner Sicht eine größere Menge von interessengetriebenen Publizist_innen geben, deren Inhalte eher als PR zu betrachten sind. Manche werden Aufmerksamkeit für karitative Zwecke schaffen, andere werden eher egozentrisch agitieren. Ob Leser_innen in Zukunft zwischen solchen Beiträgen und den vorgenannten werden unterscheiden können, lässt sich aus meiner Sicht noch nicht beantworten. Die Situation, als Leser_in dieser ungefilterten Breite von Inhalten gegenüberzustehen, ist erst wenige Jahre alt.

Man kann das lernen, die Frage ist, ob man einen Grund hat, eine Unterscheidung bei den Inhalten zu machen. Interessant ist dabei, wie z.B. die Huffington Post langfristig ihre Redakteure und Beiträge selegiert.

 

 

 

2. Welche Voraussetzungen würden Sie an einen Journalisten im 21. Jhd. stellen, was sollte/muss er können?

 

-Grundkenntnisse in Statistik und Informationsvisualisierung sind unerlässlich, selbst wenn man keinen Datenjournalismus im engeren Sinne betreiben möchte. Der Umgang mit Zahlen und Diagrammen ist in vielen Medien fahrlässig.

 

-Das, was die BBC “Social Media Vetting” nennt, also die Verifizierung von Inhalten aus dem Netz (egal, ob man sie aktiv recherchiert hat oder gesendet bekommen hat).

-Grundkenntnisse verschiedener Geschäftsmodelle für selbständige Journalist_innen, um auch jenseits eines Angestelltenverhältnisses ein eigenes Profil aufbauen zu können (und bestenfalls damit Geld zu verdienen)

 

-Ein breites soziales Netzwerk aufbauen und erhalten (das war auch früher so, funktioniert nur jetzt noch ein bisschen anders), Konversationssträngen folgen und sie analysieren können.

 

-Richtig gut für verschiedene Zielgruppen schreiben können (oder alternativ: richtig gut visuell erzählen können)

 

3. Das Internet hat zu vielen Veränderungen in der journalistischen Welt geführt. Welche konkreten Auswirkungen hat das auf den Journalismus? Welche Probleme/Chancen sehen Sie dabei?

 

Ich denke, das ist schon ganz gut abgedeckt, oder?

 

4. Denken Sie, dass die traditionellen Medien ihr Konzept verändern müssen, um bessere Chancen im Zeitalter des Internets zu haben?

 

Da finde ich mehrere Sichtweisen plausibel:

Wieso sorgen sich denn alle um die traditionellen Medienunternehmen, wieso werden sie so überhöht? Wieso (jenseits des gesellschaftlich natürlich wünschenswerten Ziels des Erhalts von Arbeitsplätzen) ist es auf einmal gut für uns, wenn es Axel Springer gut geht? Das ist Marktwirtschaft: Survival of the fittest. Warum sollte man einen Öltanker in ein Schnellboot umbauen, wenn man das Schnellboot direkt bauen kann? Vielleicht wäre es sogar gut, den Marktbereinigungsprozess zu forcieren.

Der Mediensektor ist so groß wie nie zuvor, alimentiert aber zur Zeit noch die überkommenen Produktions- und Distributionsstrukturen der “alten Medien”. Deswegen ist gefühlt nicht genug Geld da, um sowohl in den traditionellen Medien als auch in den neuen Medien gute Inhalte auf breiter Front zu finanzieren. Also weg mit dem Alten, so dass das Web endlich frei atmen kann!

 

So super viel muss man den alten Konzepten jetzt auch wieder nicht ändern. Sobald man einsieht, dass das Geschäft einer Tageszeitung nicht darin besteht, Papier zu bedrucken und zu versenden, ist das alles nicht mehr so schwierig.

Die in Jahrzehnten erarbeitete Aufmerksamkeit der traditionellen Medienmarken ist ein guter Startpunkt fürs Web.

Man muss sich halt nur konsequent darauf einlassen und zum richtigen Zeitpunkt das alte Geschäft loslassen (dieser Zeitpunkt ist nicht notwendigerweise genau jetzt, auch wenn es bei Springer so zu sein scheint). Je größer das Unternehmen, desto schwieriger ist dieser mentale Spagat jedoch zu schaffen.

 

Von Sarah Windisch, Nora Schiffner, Cledilson Oliveira da Silva und Alba Mojak-Roschka

 

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