“Wer bei Adam und Eva startet, verwendet Zeit.”

Daniel Drepper

Ein Interview mit Investigativjournalist Daniel Drepper

Die Technologie hat den journalistischen Alltag vollkommen auf den Kopf gestellt. Heutzutage ist es einfach: Ein Klick und schon bieten die Weiten des Internets dem Journalisten eine Unmenge an Daten an. Jedoch bleibt die Frage offen, welche Auswirkungen diese Entwicklung auf die Welt der Medien hat.

Zur Person: Daniel Drepper war bis Ende Mai 2014 Fellow am Stabile Center for Investigative Journalism und Scholar am Brown Institute for Media Innovation der Columbia University in New York City. Drepper arbeitete zuvor gut zweieinhalb Jahre lang für das Recherche-Ressort der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Dort gewann er unter anderem einen Wächterpreis und wurde als Journalist des Jahres in der Kategorie Newcomer ausgezeichnet. Seine Diplomarbeit schrieb Drepper über das Informationsfreiheitgesetz. Webseite: danieldrepper.de

Wie sind Sie zu ihrem Beruf gekommen?

Angefangen habe ich mit 15 bei einer Lokalzeitung, in einer kleinen Stadt im Münsterland. Ich habe fast täglich als freier Journalist gearbeitet und nach dem Abitur gleich Journalistik studiert.

Gefällt Ihnen Ihr Job bis jetzt?

Ich könnte mir nur sehr schwer etwas Anderes vorstellen. Journalismus ist einer der Berufe, der sehr viel für eine Gesellschaft tun kann, wenn man ihn richtig ausübt.

Sie sind seit 2001 freier Journalist und haben schon viele Artikel für namenhafte Medien geschrieben. Wie sollte ein Journalist, ihrer Meinung nach, bei seiner Recherche vorgehen?

Man sollte sich zum Thema informieren, bevor man mit jemanden spricht. Man kann nicht alles bei der Personen abladen, die man anruft oder trifft, sondern muss vorher recherchieren Was kann ich selber dazu herausfinden? Was kann ich dazu lesen? Wer bei Adam und Eva startet, verschwendet die Gesprächszeit des Gegenübers. Auch der Gegenüber soll Spaß am Gespräch haben und nicht total gelangweilt sein, weil ihm schon wieder die Fragen gestellt werden, die er seit 100 Jahren beantworten muss. Wichtig ist auch, dass man sich Gedanken macht, warum eine Quelle reden will. Wenn man die Motivation versteht, kann man viel besser darauf eingehen.

Seit einigen Jahrzehnten beeinflussen die sich immer weiterentwickelnden technischen Neuerungen das Leben jedes Einzelnen, so auch das der Journalisten. Inwiefern veränderte die neue Technologie des Internets, Smartphones, Computer, etc. Ihren Arbeitsstil bei der Recherche?

Sie machen die Recherche einfacher und vielfältiger, weil viel mehr Informationen verfügbar sind.

Wie würden Sie diese Entwicklung bewerten?

Ich finde das sehr gut. Es ist sehr bereichernd und wichtig für Journalisten als Teil einer Recherche. Natürlich ersetzt es nicht den direkten Kontakt zu Quellen, Anrufen und Treffen.

Was für Auswirkungen könnten die neuen Technologien auf die Qualität von Nachrichten haben?

Ich glaube, dass die Qualität des Journalismus auf der einen Seite besser geworden ist. Durch mehr Informationen, mehr Möglichkeiten, mehr Technik und weil es einfacher und günstiger ist, Journalismus zu produzieren. Auf der anderen Seite gibt es natürlich viel mehr Informationen und  weil es einfacher ist, Informationen weiter zu verwerten, sie weiter zu verbreiten, gibt es auch mehr falsche Informationen.

Sie betreiben zur Zeit selber einen Blog?

Ich habe ein persönliche Webseite und einen Seite zum Thema Doping und Fußball. Als ich noch bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung in der Rechercheredaktion gearbeitet habe, habe ich zudem für deren Blog geschrieben, auf dem wir unsere Recherchen und Hintergründe dazu veröffentlicht haben.

Würden Sie sagen, dass die Informationen, die Sie auf Ihrem Blog verbreiten, qualitativ schlechter sind, als die, die auf Webseiten großer Nachrichtenunternehmen veröffentlicht werden?

Nein. Die Qualität von Informationen hängt nicht davon ab, wo sie veröffentlicht werden, sondern wie derjenige gearbeitet hat, der die Informationen veröffentlicht. Es kommt nicht auf den Verbreitungsweg an.

Wo sehen Sie Probleme bei der Informationsbeschaffung für Journalisten heutzutage?

Was immer gleich bleibt: Journalisten rufen Quellen an und überzeugen diese, mit ihnen zu reden. Gleichzeitig gibt es aber auch die Möglichkeit, dass durch Gesetze die Möglichkeit geschaffen wird, Dokumente oder Daten einzusehen, die bei Behörden liegen. Hier gibt es noch viel Raum für Verbesserungen. Meiner Ansicht nach sollte jedes Dokument und jeder Datensatz, der bei einer Behörde liegt, grundsätzlich frei zugänglich für jeden Bürger sein, weil wir ja mit unseren Steuergeldern dafür bezahlen, dass diese Dokumente überhaupt erstellt werden. Politiker und Behördenmitarbeiter sind unsere Angestellten, sie werden von uns  bezahlt und deswegen muss auch alles, was sie tun, von uns kontrollierbar sein.

Dieses Bewusstsein ist in den USA schon relativ weit entwickelt, denn hier gibt es das Informationsfreiheitsgesetz, den Freedom of Information Act, schon seit fast 50 Jahren. Hier gibt es viel mehr öffentlich zugängliche Informationen als in Deutschland. In Deutschland gibt es das Informationsfreiheitsgesetz seit 2006. Das ist ein guter Anfang, aber es gibt noch viele Lücken. Meiner Meinung nach muss das Gesetz überarbeitet werden.

Also, liegen die Probleme nicht an den Informationsbeschaffungsmethoden, sondern an dem gesetzlichen Rahmen?

Genau. Die allgemeinen Methoden zur Beschaffung von Informationen muss sich jeder selbst beibringen. Deswegen bin ich ja nochmal für ein Jahr in die USA gegangen, um zu sehen, wie die Amerikaner das machen, die in der investigative Recherche als die Besten gelten. Aber für die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind die Regierungen verantwortlich.

Welche Ideen, Anregungen und Vorschläge zum Eindämmen der Probleme der unendlichen Möglichkeiten der Informationsbeschaffung haben Sie?

Es ist wichtig, sich zu überlegen, was man recherchieren will – und immer wieder dort hin zurück zu kehren. Man kann zum Beispiel am Anfang eine These bilden und diese veri- oder falsifizieren. Das hilft vor allem bei langen Projekten, um nicht verloren  zu gehen. Es gibt viele verschiedene Methoden. Wichtig ist, dass der rote Faden klar ist.

Wie ist ihre Meinung zu den Recherchemethoden von Günther Walraff in der Fernsehsendung “Team Walraff”?

Günther Walraff ist ein Spezialfall, weil er ja undercover arbeitet. Die Dokumentationen bei RTL von Team Walraff habe ich nicht gesehen. Grundsätzlich finde ich Undercover-Recherche völlig legitim, wenn die Informationen nicht anders zu beschaffen sind und einen hohen gesellschaftlichen Wert haben.

Abschließend: Was würden Sie den neuen, frisch gebackenen Journalisten mit auf den Weg geben bezüglich Recherche und Informationsfreiheit?

Ich würde mir die Recherchen von Kollegen ansehen, die das schon seit Jahre machen. Und ich würde zu allen Konferenzen des Netzwerk Recherche gehen. Die organisieren einmal im Jahr eine Jahreskonferenz über zwei Tage. Dazu gibt es Weiterbildungen, meist im Frühjahr und im Herbst. Dort bekommt man einen guten Einblick und Kontakte. Das hat mich extrem weitergebracht.

Können Sie die Seite Netzwerk Recherche kurz vorstellen?

Netzwerkrecherche ist ein Verein mit mittlerweile mehr als 600 Mitgliedern, der die Recherche im Journalismus fördert wird. Dafür organisiert der Verein Konferenzen und Fortbildungen, gibt Bücher heraus und vernetzt die Mitglieder untereinander. Das Netzwerk Recherche will die Qualität der Recherche verbessern. Und für junge Journalisten und Studenten gibt es Rabatte bei den Konferenzen und Tagungen.

Ich danke Ihnen für Ihre Zeit und den Einblick in einen kleinen Teil der Welt von Journalisten.

Sehr gerne.

Sarah Park

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