Vom Papier ins Netz?

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Die Printzeitung befindet sich momentan in einer Krise. Kann sie trotz wirtschaftlichen Drucks und wachsender Konkurrenz aus dem Internet auch in Zukunft bestehen bleiben? Der Kommunikationswissenschaftler Tobias Eberwein im Interview.

 

Es ist immer wieder von “Qualitätsjournalismus” die Rede. Was ist für Sie Qualität im Journalismus?

Tobias Eberwein: “Qualität im Journalismus lässt sich über verschiedene Merkmale ableiten. Für mich ist besonders zentral, dass Journalismus aktuell und relevant sein muss. Er muss auf der Höhe der Zeit sein und er muss Neuigkeiten bieten. Gleichzeitig soll er aber auch so etwas wie eine gesellschaftliche Bedeutung entfalten. Das heißt, er muss für möglichst große Gruppen wichtig sein und dabei Dinge behandeln, die von einem gewissen Niveau sind. An dieser Stelle scheiden sich häufig die Geister in der Branche. Wir finden in vielen Publikationen Veröffentlichungen, die unterhalb dieses Relevanzniveaus liegen. Das ist der Punkt, an dem wir Qualitätsjournalismus von nicht so qualitätsvollem Journalismus unterscheiden müssen.”

 

Manche behaupten, die Stärke der Printzeitung liege in ihrer höheren Qualität gegenüber dem Onlinejournalismus. Glauben Sie, dass die Qualität der Printzeitung folglich zunehmen wird?

Eberwein: “Das würde ich so pauschal nicht festhalten wollen. Ich glaube, dass es in beiden Bereichen qualitätsvolle Publikationen gibt. Ich glaube allerdings auch, dass es sowohl im Print- als auch im Onlinebereich Publikationen gibt, die allgemeines Qualitätsniveau nicht, oder nur unzureichend erreichen. Aus meiner Sicht ist es wünschenswert, dass sich beide Mediengattungen auf das konzentrieren, was sie gut können. Das ist im Printbereich vor allem die Herstellung von Hintergründen und die Erklärung von Zusammenhängen. Auch Techniken des journalistischen Erzählens sind Teil seiner Stärken. Im Onlinebereich ist so etwas nur in begrenztem Maße möglich. Auf der anderen Seite haben gerade Onlinemedien besondere Chancen, wenn es darum geht, möglichst aktuell oder sogar ansatzweise im Livemodus zu berichten. Sie sind nicht an die für Printmedien charakteristischen Erscheinungszyklen gebunden. Sie haben die Möglichkeit auf Ereignisse sofort zu reagieren und bei Bedarf im Minutentakt neue aktuelle Meldungen zu publizieren. Aktualität, das hatte ich ja eben gesagt, ist auch ein Qualitätsmerkmal für guten Journalismus. Eines, das man im Onlinebereich besonders gut pflegen kann.”

 

Warum, denken Sie, hat die Printzeitung eine Zukunft?

Eberwein: “Ich glaube, dass die Printpublikation in jedem Fall eine Zukunft hat. Allerdings ist es dafür notwendig, dass sie sich neu erfindet, indem sie eine neue Identität herauskristallisiert. Das sehe ich bei einem Großteil der Publikationen, die man momentan auf dem Tageszeitungsmarkt findet, noch nicht gegeben. Viele Tageszeitungen verstehen sich immer noch vor allem als Ansammlung von Nachrichten – von Nachrichten, die die Leser schon am Tag vorher online gelesen haben. Das ist ein grundsätzliches Problem der Zeitung. Man könnte auf die Idee kommen zu sagen, dass wir sie eigentlich nicht mehr brauchen, denn die Nachrichten, die wir in Tageszeitungen lesen, sind am Erscheinungszeitpunkt meistens schon wieder veraltet. Gleichzeitig bieten Printmedien die Chance, andere Darstellungsformen zu pflegen. Vor allem solche, die Hintergründe herausstellen und versuchen, uns die Welt zu erklären. Die Welt, das weiß jeder, ist etwas sehr Komplexes. Es fällt nicht immer leicht, all das zu verstehen, was täglich um uns herum passiert. Die besondere Chance der Printjournalisten besteht darin, das Ziel ernst zu nehmen, die Welt verstehbar zu machen. Hier scheitern viele Printjournalisten momentan noch, weil sie zu kleinteilig berichten und nur die Darstellungsform der Nachricht pflegen. Ich meine aber, dass in anderen Darstellungsbereichen viel größere Potenziale liegen würden, zum Beispiel in erzählenden Darstellungsformen wie der Reportage. Die Reportage, so wie das Analysieren und Erklären von Hintergründen, beispielsweise in Form von Hintergrundberichten, funktioniert aus meiner Sicht im Printbereich besonders gut.”

 

Die technischen Entwicklungen der letzten Jahre haben den Printzeitungen abnehmende Leserzahlen beschert. Kann der technische Wandel auch einen positiven Beitrag zum Werdegang der Printzeitung leisten?

Eberwein: “Die schwindenden Leserzahlen sind ja nicht nur auf technische Wandlungsprozesse zurückzuführen, sondern im Wesentlichen auf allgemeine Entwicklungen, die mit der ökonomischen Situation zu tun haben. Probleme auf dem Anzeigenmarkt führen dazu, dass die Einnahmen schwinden und dadurch die Qualität der Berichterstattung sinkt. Folglich sinken auch die Leserzahlen. Die technische Entwicklung ist hier nur eine Seite der Medaille, gleichwohl keine ganz unwichtige. Ich denke auf jeden Fall, dass die technische Entwicklung auch für den Printjournalismus Chancen bietet. Das Zauberwort liegt hier aus meiner Sicht im Bereich der Crossmedialität. Bisher war es Tradition für Journalisten aller Mediengattungen, nur in dem Medienkanal zu denken, für den sie ausgebildet worden sind. Was die meisten Journalisten nicht gelernt haben, ist über die Verwendung mehrerer Ausspielkanäle gleichzeitig, also crossmedial, nachzudenken. Crossmedialität ist etwas, was erst die jüngste technische Entwicklung möglich gemacht hat. Man kann beispielsweise ein Thema nicht nur in einen Zeitungsbericht gießen, sondern auch gleichzeitig einen begleitenden Fernsehbeitrag zum selben Thema, allerdings mit anderen Nuancen, aufbereiten. Weiterhin könnte man zu selbigem Thema den Onlinekanal bespielen und dort weiterführende Serviceinformationen, die in den Printbeitrag nicht mit eingeflossen sind, bieten. Dieses mehrkanalige Denken ist etwas, was die Technik möglich gemacht hat, was in der Praxis allerdings sehr selten zufriedenstellend umgesetzt wird. Hier ist Entwicklungsbedarf gegeben. Auch Lernbedarf auf Seiten der Journalisten.”

 

Auf dem deutschen Pressemarkt ist ein Trend zu immer größeren Betriebseinheiten zu beobachten. Die fünf größten Verlagsgruppen haben bereits einen Marktanteil von über 44%. Wird es unter der Annahme, dass sich dieser Trend fortsetzen wird, auch in Zukunft möglich sein, vielfältige Berichterstattung innerhalb der Printmedien zu sichern?

Eberwein: “Die Chancen für Meinungsvielfalt im Zeitungsmarkt werden immer geringer. Das muss man ganz hart so festhalten. Wenn Sie sich die Konzentrationsprozesse der letzten Jahre und Jahrzehnte anschauen, dann sehen Sie dort eine eindeutige Entwicklung. Immer mehr Zeitungen müssen die Segel streichen. Wir haben in den letzten Jahren öffentlich breit diskutierte Beispiele von Zeitungsschließungen beobachten müssen. Wir haben beobachten müssen, wie die Frankfurter Rundschau Insolvenz angemeldet hat und wie die Financial Times Deutschland das Erscheinen eingestellt hat. Wir haben von vielen Regional- und Lokalzeitungen gehört, dass sie Redaktionen freigesetzt oder geschlossen haben, oder dass Titel komplett eingestellt wurden. Aus meiner Sicht war das noch nicht das Ende der Fahnenstange. Die Experten sind sich relativ einig darin, dass das Zeitungssterben in Deutschland gerade erst begonnen hat. Gerade im lokalen Bereich werden vermutlich noch weitere Titel eingehen. Unter dem Aspekt der Meinungsvielfalt und der vielfältigen Berichterstattung ist das natürlich kein erstrebenswerter Zustand. Ich sehe grundsätzlich aber auch keinen Ausweg aus dieser Situation. Ich glaube, dass sich der Printmarkt in Deutschland weiter konsolidieren muss. Dies muss notwendigerweise auch über Reorganisation in den Zeitungsunternehmen vonstatten gehen. Auch wenn wir uns damit anfreunden müssen, dass das Zeitungssterben weiter geht, müssen wir die Krisensituation dafür nutzen, neue Funktionskonzepte für den Journalismus im Printbereich zu entwickeln. Es wäre zum Beispiel denkbar, dass Tageszeitungen nicht mehr täglich, sondern vielleicht ein- oder zweimal wöchentlich erscheinen, dafür aber eine andere Art und Weise der Berichterstattung möglich machen, die als Komplement zum tagesaktuellen Onlinejournalismus verstanden werden könnte. Dieses Modell wird in den USA, wo die Krise noch ein bisschen weiter fortgeschritten ist, als hier in Deutschland, bereits mehrfach angewendet. Insofern ist die Entwicklung in den USA ein spannender Anschauungsfall, von dem wir auch lernen können. Wenn Tageszeitungen sich in dem Sinne neu erfinden könnten, dass sie nur noch wöchentlich oder halbwöchentlich erscheinen, dafür aber ein höheres Qualitätsniveau gewährleisten, dann würde ich sagen, lasst uns diese Chance ergreifen.”

 

Während früher die Faustregel galt, dass sich Zeitungen zu ca. zwei Dritteln durch Werbung finanzieren, geht man heute von unter 50% aus. Diese Entwicklung wird vor allem der Abwanderung vieler Werbekunden ins Internet zugeschrieben. Wie soll sich die Printzeitung in Zukunft finanzieren?

Eberwein: “Dass sich der Werbemarkt im Printbereich in einer großen Krise befindet, ist kein Geheimnis. Es handelt sich in der Tat um einen der Hauptgründe dafür, dass Zeitungsverleger momentan so viel sparen müssen. Man ist händeringend auf der Suche nach neuen Modellen, die dem Journalismus dauerhaft eine finanzielle Grundlage bieten. Ich befürchte leider, dass wir in dieser Situation um weitere Konsolidierungsprozesse nicht herumkommen. Da die finanzielle Basis für viele Zeitungen eben nicht breiter sondern eher schmaler wird, muss gespart werden – so bitter das für die Redaktionen und für die Meinungsvielfalt ist. In Zukunft wird man in den Verlagshäusern bestimmt weitere Umstrukturierungen und Einschränkungen bezeugen können. Allerdings lädt die gegenwärtige Situation auch zur Suche nach alternativen Finanzierungsmodellen ein. Beispielsweise wird immer wieder über die Möglichkeiten von stiftungsfinanziertem Journalismus, also der Möglichkeit, alternative Geldgeber zu finden, die in einzelne Medien investieren, diskutiert. Stiftungsfinanzierter Journalismus hat in den USA bereits eine breite Tradition. Dort gibt es viele Stiftungen mit teilweise beträchtlichen Budgets, die ihr Geld dazu nutzen, Qualitätsjournalismus zu finanzieren. In Deutschland wird dies weniger praktiziert, aber es wäre möglicherweise ein Modell, über das man nachdenken könnte. Aufgrund der neuen technischen Entwicklung wird aktuell auch über Modelle des Crowdfundings geredet. Beim Crowdfunding wird versucht, im Internet Gruppen von Unterstützern zu generieren, die über kleinere oder größere Spenden in einzelne journalistische Projekte investieren. Einzelfälle haben gezeigt, dass sich Journalismus über diese Wege durchaus finanzieren lässt. Die gängigen Marktmodelle werden sich auf diese Weise nicht ersetzen lassen, wir sollten jedoch versuchen, neue Arten der Finanzierung zu nutzen und auch zu pflegen. Von Fall zu Fall können so durchaus beträchtliche Summen zusammenkommen.”

 

Werbefinanzierung schafft auch immer ökonomische Abhängigkeiten. Welche Chancen und Risiken sind mit einer Veränderung des Finanzierungsmodells der Printzeitungen verbunden?

Eberwein: “Finanzielle Abhängigkeiten wird es immer geben, egal von welchem Finanzierungsmodell wir ausgehen. Wenn die Werbetreibenden nicht diejenigen sind, die den Großteil des Geldes geben, dann wird das Geld von anderer Stelle kommen. Es entstehen dann neue Abhängigkeiten gegenüber diesen Geldgebern, egal ob es sich um Stiftungen, Spender oder möglicherweise staatliche Stellen, die ja auch immer wieder als potenzielle Förderer diskutiert werden, handelt. Da wir dieses Problem nicht grundsätzlich lösen können, wird Journalismus auch weiterhin mit ihm umgehen müssen. Allerdings tut Journalismus das auch schon eine ganze Weile und hat Strategien entwickelt, wie er trotz dieser Situation ein grundsätzliches Qualitätsniveau bewahren kann. Es gibt Mechanismen der Medienselbstregulierung und der Medienselbstkontrolle sowie berufsethische Diskussionen. Es gibt außerdem Ethikcodices, die relativ genau beschreiben, was man von gutem Journalismus erwarten kann und was er nicht tun sollte. Aus meiner Sicht wäre es gerade in der jetzigen Situation wünschenswert, diese Mechanismen der Medienselbstregulierung zu stärken. Sie stellen den einzigen Weg dar, ein möglichst unbeeinflusstes System der Medienregulierung zu schaffen und zu pflegen. Dafür braucht es aber so etwas wie eine gesellschaftliche Diskussion über dieses Thema. Medienselbstregulierung funktioniert nur, wenn sie öffentlich stattfindet. So entsteht ein anderer Legitimitätsdruck und die Diskussion erlangt eine höhere Wertigkeit. An dieser Stelle gäbe es auch wieder viel zu kritisieren. Eine breite öffentliche Diskussion über Qualität und Selbstregulierung ist in Deutschland gegenwärtig noch nicht auf der Agenda. Folglich wäre es erstrebenswert, die öffentliche Diskussion über Journalismus zu stärken, um einen öffentlichen Konsens über journalistische Qualitätsmerkmale zu erreichen.”

 

Wie sehen Sie die zukünftigen Marktchancen von regionalen im Verhältnis zu überregionalen Printzeitungen?

Eberwein: “Ich glaube, dass die regionalen und auch die lokalen Medien in der Zukunft eine sehr große Rolle spielen werden. Aus meiner Sicht stellen sie die einzige Chance dar, so etwas wie eine direkte Verbindung zwischen Lesern und Medienhäusern herzustellen. Das funktioniert im lokalen Bereich besonders gut, weil man hier die Chance hat, die Leser dort abzuholen wo sie wohnen und wo sie ihr Leben führen. Der Bereich des Lokalen wird häufig etwas nostalgisch mit dem Begriff der Heimat und der Heimatverbundenheit umschrieben. Diese Aspekte spielen, trotz gesellschaftlicher Fluktuationen und trotz Mobilität und deren Notwendigkeit, auch weiterhin eine große Rolle. Lokale Medienhäuser sollten sich diesen Lokalpatriotismus zunutze machen, wenn es darum geht den Leser oder die Leserin von der Wichtigkeit lokaler Publikationen zu überzeugen. Lokalberichterstattung wird dann wichtig für den Leser, wenn dieser in Themenfindungsprozesse eingebunden und nach seiner Meinung zu lokalpolitischen Fragestellungen gefragt wird. Wenn Journalisten diesen Gedanken des Dialoges ernst nehmen, glaube ich, dass wir damit zu einem Lokaljournalismus gelangen, der große gesellschaftliche Relevanz entfalten kann. Übrigens können auch im Lokaljournalismus, um nochmal zum Stichwort Crossmedialität zurückzukommen, die neuen Medien eine große Rolle spielen. Sie liefern tolle Instrumente für die Ausgestaltung des beschriebenen Dialoges. Es können per soziale Netzwerkplattform, wie zum Beispiel Facebook oder Twitter, die Leser dazu aufgerufen werden, Ideen, Meinungen und Kommentare abzusondern. Diese können später aufgegriffen werden, um sich möglicherweise in gedruckter Form in der Lokalzeitung wiederzufinden. Das wäre ein Kreislauf von Themenfindung und Themenumsetzung, der einer Lokalzeitung sehr gut zu Gesicht stehen würde. Wenn das praktiziert wird, dann sehe ich für diese Publikationsform eine ganz gute Zukunft.”

 

Dr. phil. Tobias Eberwein doziert seit 2014 am Institut für Kommunikationswissenschaft der TU-Dresden. Weiteres zu seiner Person finden Sie unter http://tu-dresden.de/die_tu_dresden/fakultaeten/philosophische_fakultaet/ikw/prof/who_is_who/eberweinvita. Das Interview führte Ludwig Paeth, Studierender des Studienganges “Medienforschung und Medienpraxis”, ebenfalls an der TU-Dresden.

 

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