Crowdfunding: Ein Nehmen und Geben

Benjamin-OdanielNur wenige Journalisten bekommen den Auftrag, aus ganz Europa zu berichten, ein Magazin zu entwickeln oder ein Onlineportal aufzubauen. Mit Crowdfunding gibt es eine neue Gelegenheit, seine journalistischen Ideen zu verwirklichen. Welche Möglichkeiten bietet diese neue Art der Finanzierung und welche Auswirkungen hat sie auf den Journalismus? Im Gespräch mit Medienjournalist Benjamin O’Daniel suchen wir nach Antworten. 

 

 

Herr O’Daniel, in ihrem Artikel „So geht Crowdfunding“ haben sie aufgelistet was man als Journalist, und gleichzeitig als Projektstarter, beim Crowdfunding beachten soll. Wie sind sie auf dieses Thema gestoßen?

Als freier Medienjournalist schreibe ich vor allem über digitale Themen. Mit der Redaktion des Journalist telefoniere ich regelmäßig, um gemeinsam Ideen auszutauschen. Crowdfunding ist ja ein Riesenthema, das viel diskutiert wird. Zu Beginn ging es häufig um das allgemeine Phänomen. Aber viele Journalisten fragen sich natürlich, wie es konkret geht. Wie schaffe ich es, dass mein Crowdfunding Projekt ein Erfolg wird? Das war der Ausgangpunkt, aus dem letztendlich die Geschichte entstanden ist.

In einem anderen Artikel, den wir dieses Jahr veröffentlicht haben, habe ich nachgefragt, wie nachhaltig Crowdfunding eigentlich ist. Was passiert wenn die Kampagne vorbei ist? So ergeben sich rund um das Thema immer neue interessante Aspekte, die man journalistisch beleuchten kann.

Welche Rolle hat Crowdfunding bisher für den Journalismus gespielt? Gab es etwas Ähnliches in dieser Form schon?

Über das Netz können Journalisten direkt mit ihren Lesern beziehungsweise ihrem Publikum in Kontakt treten. Und Crowdfunding ist ein Instrument, um die eigene journalistische Arbeit direkt von den Lesern finanzieren zu lassen. Bisher war ein Verlag oder Sender zwischen diesen beiden Seiten, nun hat man den direkten Kontakt. Es gibt unglaublich viele spannende und kreative Projekte, die es ansonsten überhaupt nicht geben würde.

Als das Social Web – unter anderem Blogs, Facebook und Twitter – entstand, wurden viele belächelt, die sich in diesem Bereich engagiert haben. Heute ist es die Basis für viele gelungene Crowdfunding Kampagnen. Ein Beispiel ist Michael Seemann, der für sein Buchprojekt Das Neue Spiel 20.000 Euro eingesammelt hat. Oder Dirk von Gehlen von der Süddeutschen Zeitung, der mit seinem Buch Eine neue Version ist verfügbar sehr erfolgreich war. Das sind Autoren, die seit Jahren im Social Web aktiv sind, und die dann in die Runde gefragt haben: „Ich hab eine gute Idee, wer finanziert mich mit?“

Welche Rolle schreiben sie dieser Art von Finanzierung dem Journalismus zukünftig vor?

Mein Eindruck ist, dass es auf den deutschen Plattformen zu Beginn häufig journalistische Projekte mit einem vergleichsweise geringen finanziellen Budget gab. Die Projekte werden aber immer größer. Zum Beispiel hat Tilo Jung für seine Europareise 15.000 Euro eingesammelt.

Noch eine ganze Ecke größer ist das Projekt der Krautreporter. Sie versuchen 900.000 Euro einzusammeln, um ein Jahr lang ein professionelles Online-Magazin umzusetzen, das sich auf Hintergrundstücke, Reportagen und Portraits konzentriert.

Ich glaube allerdings nicht, dass Crowdfunding die Branche retten wird. In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren gab es bereits viele Entlassungswellen. Die Situation wird sich in den kommenden Jahren kaum verbessern. Wenn man sich Crowdfunding anschaut, kann man nicht erwarten, dass sich tausende Journalisten darüber eine stetige Einnahmequelle erarbeiten. Es ist nicht vergleichbar mit einem geregelten Gehalt. Sondern es ist ein Werkzeug, um neue Formate zu testen, Prototypen herzustellen und um dann die Reaktionen darauf zu analysieren. Danach besteht die Möglichkeit, die Idee weiterzuentwickeln und mit Glück eine dauerhafte Finanzierung zu erreichen.

Wer Unterstützt die vorgestellten Projekte auf Seiten wie Krautreporter.de und Startnext.de? Haben sie da eine Vorstellung wer die „Crowd“ ist?

Es gibt ein interessantes Phänomen: Wenn man einmal ein bestimmtes Projekt unterstützt hat, fängt man schnell an, auch andere Projekte zu unterstützen. Es macht einfach Spaß, Leute mit einer geringen Summe zu supporten und dann zuzusehen, wie sich ihr Projekt entwickelt.

Wenn man sich mit Personen von Krautreporter und Startnext unterhält, dann sagen sie, dass die „Crowd“ immer zuerst aus dem Freundes- und Bekanntenkreis besteht. Danach geht es darum, den Sprung zu machen, um Leute zu erreichen die man nicht kennt. Dabei hilft das Social Web.

Würden sie sagen dass das im journalistischen Bereich tätige Klientel dieser Plattformen hauptsächlich aus „Freelance“ Reportern besteht oder nicht? Warum?

Mein Eindruck ist, dass dort viele Freiberufler unterwegs sind. Aus dem ganz einfachen Grund, dass jeder Selbstständige viel mehr individuelle Freiheiten hat als ein Festangestellter. Viele Journalisten sammeln nicht nur Geld für Buchprojekte oder Magazine, sondern auch für journalistische Roadtrips, wie zum Beispiel aktuell Crowdspondent oder Facing Europe. Das kann man sicher nicht so einfach machen, wenn man festangestellt ist.

Was ich nicht verstehe: Wieso starten Studenten nicht häufiger eigene Crowdfunding-Kampagnen? Im Studium hat man viele Freiheiten und kaum finanziellen Druck. Man hat einen geschützten Bereich, in dem man seine Ideen entwickeln kann.

Inwiefern wird durch diese Portale die ökonomische Unabhängigkeit von Journalisten gefördert?

Ich kenne keinen Journalisten, der ausschließlich von Crowdfunding lebt. Insofern ist die ökonomische Unabhängigkeit begrenzt. Was aber nicht heißt, dass Crowdfunding eine schlechte Sache ist. Man sollte aufpassen, dass man nicht mit überzogenen Erwartungen an Crowdfunding herangeht.

Wie wirkt sich Crowdfunding auf die Themen und Inhalte der Beiträge aus?

Crowdfunding ist nicht mit einem Artikelauftrag vergleichbar. Es geht darum eine Idee zu entwickeln, die mehr ist als bloß ein interessantes Thema. Das Publikum braucht einen wirklichen Grund, die Kampagne finanziell zu unterstützen. Ein interessantes Beispiel dafür sind Fortunas Legenden, eine Dokumentation von zwei Filmemachern über die Geschichte von Fortuna Düsseldorf. Damit haben sie direkt die Fans angesprochen, die sonst auch im Stadion stehen. Die Crowdfunding-Idee muss also nicht nur einen selbst, sondern auch andere Menschen begeistern.

Hinzu kommt, dass es beim Crowdfunding um die Menschen geht, die hinter der Kampagne stehen. In einem Magazin ist man letztendlich „nur“ eine Autorenzeile; beim Crowdfunding hält man sein Gesicht hin und steht mit seiner Person hinter dem Projekt.

Sollte man sich als Journalist eher an Portale die, wie z.B. Krautreporter.de, spezifisch für Reporter geschaffen sind halten, oder dann doch lieber den Schritt in Richtung der größeren Crowdfunding-Plattformen wagen?

Krautreporter funktioniert im Moment sowieso nicht, da sie Geld für ihr Onlinemagazin sammeln. Aber ich glaube, dass die Plattform auch eher nachrangig ist. Ich habe nicht den Eindruck dass es da große Unterschiede gibt. Die beiden großen Plattformen für Journalisten sind Krautreporter und Startnext.

Sind mit diesen Vorhaben Risiken verbunden und was passiert wenn man sein gesetztes Spendenziel nicht erreicht?

Bei Crowdfunding-Projekten ist es so, dass das Geld an die Unterstützer zurückfließt, falls die Gesamtsumme nicht erreicht wird. Entweder es klappt oder es klappt nicht. Das ist ja auch das Attraktive. Sonst gäbe es keinen dringenden Anlass, Projekte zu unterstützen. Und natürlich ist es für die Initiatoren ein Risiko, wenn man Zeit in eine Projektidee investiert und am Ende wird nichts draus. Andererseits ist es auch Risiko sein Studium und sein Berufsleben still und leise zu absolvieren, weil man Angst hat, dass man scheitern könnte. Es ist auch ein Risiko, nichts zu machen.

Und letztlich: Was sollte man als journalistischer Projektstarter unbedingt beachten?

Eine Crowdfunding Kampagne macht man nicht „mal eben so“. Dazu gehört sehr viel Vorbereitung und Planung. Man muss sich umschauen: Welche Projekte waren, warum, erfolgreich? Man muss viel Arbeit in die Idee, in das Pitch-Video, in die Dankeschöns und in die PR-Arbeit stecken. Viele berichten, dass es für eine begrenzte Zeit ein Fulltime-Job war. Aber umgekehrt wäre es sonst vielleicht auch langweilig.

 

Interviewer: Tom Hahn

 

 

 

 

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Toller Artikel mit ganz wichtigen Informationen. Das Thema Crowdfunding wird ja für immer mehr Menschen interessant und natürlich kommen da doch immer wieder Fragen auf. Da wird dieser Artikel hier dem ein oder anderen eine sehr große Hilfe sein.

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