„Ein Radiosender ist wichtiger als eine Atombombe.“

Antonio Navas

Live-Journalismus im Spannungsfeld zwischen Nachrichtenberichterstattung und Instrumentalisierung im Sinne des Terrorismus

Ungeachtet einer langen Geschichte terroristischer Gewalttaten in Deutschland, welche die Republik seit den 70er Jahren immer wieder ereilten, besteht heute eine große Verunsicherung im Hinblick auf islamistische Terroristen.
Besteht hier ein Zusammenhang zu der Form der medialen Berichterstattung? Stellt der Journalismus also eine kostenfreie PR für Terroristen dar?

Foto: Anja Cord

Foto: Anja Cord

Wir hatten die Möglichkeit, Herrn Michael Konken, den Vorsitzenden des Deutschen Journalistenverbandes am Rande des 15. IfK-Praxisforums in Dresden um eine Stellungnahme zu bitten.

Gewaltbereiter, terroristischer Extremismus ist keineswegs ein neues Phänomen: Spätestens seit Anfang der 70er Jahre versuchten zahlreiche Gruppierungen von RAF bis zur Wehrsportgruppe Hoffmann ihre Ideologien durch Anschläge, Entführungen und Morde durchzusetzen; zuletzt erlebte die Bundesrepublik Deutschland eine über 10 Jahre andauernde Serie rechtsterroristisch motivierter Morde durch den NSU. Insgesamt verloren in den vergangenen 40 Jahren mindestens 140 Menschen diesen Gewaltakten ihr Leben.
Was aber unterscheidet diese Art des politisch motivierten Terrors von der heute so gefürchteten Gefahr des islamistischen Terrors, der in Deutschland bislang gerade zwei Menschenleben forderte? Warum vermag ein Anschlag in New York, in Boston oder Paris uns nachhaltig in Schrecken zu versetzen, während die Anschläge des NSU, welche quasi vor unserer Haustür stattfanden, keine nachhaltige Verunsicherung in der Bevölkerung auslösten?
Hat demnach Yassin Mushbarbash Recht, wenn es das Selbstverständnis islamistischer Terroristen mit dem Satz „Ein Radiosender ist wichtiger als eine Atombombe“ illustriert? Tragen also die Journalisten eine Mitverantwortung für die Erfolge der Täter in ihrem Bestreben, die Bevölkerung westlicher Nationen zu verunsichern, in Angst und Schrecken zu versetzen?


Die Theorie einer fatalen Symbiose zwischen Terroristen und Medien ist nicht neu. Bereits im Zusammenhang mit der Berichterstattung im „Deutschen Herbst“ 1977 wurde die Rolle der Journalisten und die mediale Aufbereitung der Berichterstattung umfassend diskutiert und kritisiert und am 19. Und 20. September 2007 veranstaltete die Bundeszentrale für politische Bildung eine Fachtagung mit entsprechender Themensetzung.

„Jeder Terroranschlag, so viel Menschenleben er auch fordern mag, ist immer punktuell, von nur begrenzter Wirkung. Zum Fanal […] wird er erst, wenn sein Feuerschein massenmedial multipliziert wird, wenn die zynische Kunde vom ‚erfolgreichen Anschlag‘ in alle Welt geht und das Gefühl suggeriert, die Terroristen seien überall.“

Florian Kain beschreibt in seinem Artikel „Drahtseilakt – Die Reaktionen des ZDF auf den Deutschen Herbst 1977“, welcher am 17. Oktober 2007 im Evangelischen Pressedienst (epd medien; (2007)82, S.7-17) erschien, die Fokussierung „…einer verstörten und sensibilisierten Gesellschaft…“ auf das Fernsehen „…als einflussreicher Vermittler, Erklärer, aktueller Begleiter und schließlich auch Bewerter der Geschehnisse…“:

„Einerseits wurde ein besonders stark ausgeprägtes Aufklärungs- und Informationsbedürfnis registriert […] – andererseits aber auch eine ‚neue Empfindlichkeit für Bilder‘ festgestellt, für ihren Inhalt und ihre Wirkung […].“


In diesem Beitrag wird auch auf einen Artikel des Historikers Walter Laqueur verwiesen, welcher am 05. September 1977 (dem Tag der Entführung Hanns Martin Schleyers durch die RAF) im Nachrichtenmagazin Der Spiegel erschien. Bereits in diesem Artikel wird die These vertreten, dass die terroristische Aktion erst durch die Publizität ihre Bedeutung erhält und gefolgert:

„Die wirkliche Gefahr für die Attentäter sei es, ‚nicht genügend Publizität zu erhalten, das Bild des verzweifelten Freiheitskämpfers nicht aufrechterhalten zu können.‘“

Folgerichtig kommunizierte die RAF bereits während der Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz im Jahr 1975 ihre Forderungen mittels Einsendung von Videobotschaften, einzig über öffentlich ausgestrahlte Botschaften und Erklärungen mit den Ermittlungsbehörden und der Regierung und nutzten so die mediale Aufmerksamkeit als Forum, um ihre Ideologie zu propagieren.
Aufgrund der einmal gemachten Erfahrungen entschied die Bundesregierung im Jahr 1977 jedoch recht schnell, dass man diese Form der Kommunikation nicht länger aufrecht erhält und vereinbarte mit den Sendeanstalten, von einer Ausstrahlung von Videobotschaften abzusehen.

Seit dieser Zeit hat sich in der Nachrichtenlandschaft einiges geändert. Nicht nur sind mit den Privatsendern Akteure auf der Bildfläche erschienen, welche anders als die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten nicht ohne weiteres an der Ausstrahlung von Videomaterial gehindert werden können; mit dem Internet – und der damit verbundenen Möglichkeit für jeden Terroristen, jederzeit selbst Inhalte für die Allgemeinheit auf entsprechenden Plattformen einzustellen – wurden Nachrichtensperren als staatliche Verordnung und freiwillige Abmachung wertgebundener Medien wirkungslos.
Zudem erlaubt es die Übertragungstechnik nun auch ohne große Vorlaufzeiten Bilder und Berichte direkt von Ort des Geschehens, live über den Bildschirm in die Wohnzimmer und Wahrnehmung der Menschen auf der ganzen Welt zu senden – wovon nicht nur bei Fußball-Weltmeisterschaften, Hochzeiten in Königshäusern oder ähnlichem, sondern vor allem bei plötzlich hereinbrechenden Katastrophen und Terroranschlägen Gebrauch gemacht wird.
Man erinnere sich allein an die Anschläge auf das World Trade Centrum am 11. September 2001, als Fernsehstationen der ganzen Welt live auf Sendung waren, als das zweite Flugzeug einschlug und die Gebäude kurze Zeit später einstürzten. Die Welt war in Echtzeit dabei, als an diesem Tag etwa 3.000 Menschen starben.

Eine Studie von 2002, welche sich mit der Berichterstattung zu diesem Anschlag befasste und in dem Sammelband „Medien und Terrorismus“ im Lit-Verlag erschien, kommt zu dem Ergebnis, dass sich nur acht Prozent der Berichterstattungen mit den Ursachen und Hintergründen beschäftigten. Der verbleibende, weit überwiegende Teil der Berichterstattung nutzte Personalisierungen und antizipatorische Spannungstechniken, um das Bildmaterial mangels neuer Fakten emotional aufzubereiten. Zu diesem Schluss kommt zumindest die Medienforscherin Nicole Haußecker in ihrem Werk „Nachrichtenberichterstattung über Terrorismus. Eine Analyse der TV-Nachrichten über die Terroranschläge in Kenia 2002“ von 2007 und schreibt weiter:

„Eine sensationelle, dramatisierende Annäherung der Medien an das Thema, mittels einer Fokussierung auf den Ort des Geschehens, umfasst vorrangig Darstellungen von Gewalt und Schaden des Ereignisses. Das bringt die Gefahr mit sich, dass visuelle, tonale und sprachliche Effekte die Angst des Zuschauers erhöhen.“

Es scheint also gesichert, dass der Journalismus – und hier aufgrund der Unmittelbarkeit, der emotionalen Berichterstattung eines durch die Ereignisse ebenso schockierten Sprechers in besonderem Ausmaß der Live-Journalismus – durch Terroristen instrumentalisiert wird.

An dieser Stelle ist die Frage naheliegend, wie die Medienverantwortlichen es vermeiden können, vor den Karren der Täter gespannt zu werden.

Eine Antwort ergibt sich bereits aus der erwähnten Arbeit von Frau Haußecker: Der Verzicht auf wiederholte, emotional aufgeladene, personalisierte Visualisierung von Gewaltakten und Opfern zugunsten einer distanzierteren Berichterstattung.
Dies erfordert aufgrund des steigenden kommerziellen Drucks und dem damit verbundenen Wettbewerb um die höchsten Einschaltquoten jedoch einen senderübergreifenden ethischen Wertekonsens zum journalistischen Selbstverständnis.

Selbstredend kann eine Veröffentlichung von nicht diesem Wertekonsens entsprechendem Material über Twitter oder vergleichbare Kanäle nicht verhindert werden, jedoch kann es als Aufgabe des professionellen Journalismus angesehen werden, dieser „zweiten Öffentlichkeit“ des Internets einen rationalen Gegenpol zu setzen. Während die meisten ohne journalistischen Anspruch agierenden Akteure der Social Media zu einer hysterischen, einseitigen Publikation von Momentaufnahmen und –eindrücken neigt, ist es den mit professionellen Anspruch arbeitenden Medien möglich, differenzierte Hintergrundrecherchen zu leisten. Aufgrund der Tendenz, Meldungen über außergewöhnliche, schockierende Ereignisse im persönlichen Newsfeed bei den konventionellen Nachrichtenmedien oder deren Internetauftritten zu verifizieren, besteht so die Möglichkeit des professionellen Journalismus zu einem ausgewogenen  Gesamtbild beizutragen.
Eine derartige Ausrichtung und derartiges Agieren könnte den konventionellen Nachrichtenkanälen ihre gesellschaftliche Bedeutung neben den neuen, digitalen Nachrichtenangeboten sichern.

Jede Redaktion ist folglich durch ihr eigenes Zutun und Selbstverständnis selbst verantwortlich, ob sie mit ihrer Berichterstattung den Zielen terroristischer Vereinigungen dient oder zu einer aufgeklärten, rationalen Information der Gesellschaft beiträgt.

 

Weiterführende Links:

von:
Franz Gotthardt & Maik Büttner

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