Ein Tag ohne Medien – Selbstversuch mit Folgen?

Der Denker

Falk Wellendorf mit einem spektakulären Selbstversuch. Erleben Sie die unglaubliche Geschichte eines Mannes, der einen Tag ohne Medien verbringt…und ihn überlebt!

Ein ganz normaler Montagmorgen. 9 Uhr. Die Sonnenstrahlen kitzeln meine Nase, mal wieder vergessen die Vorhänge zuzuziehen. Die Heizung gluckert leise vor sich hin, im Flur meiner Vierer-WG herrscht schon reges Treiben. Ich schaue mich in meinem geräumigen Eckzimmer um, ein üppiger Kleiderschrank, daneben der schon wieder überquellende Wäschekorb. Auf der anderen Seite der Tür ein Sideboard gefüllt mit Büchern, darauf der Fernseher. Rechter Hand mein Schreibtisch. In der Mitte des Raumes, nicht unweit von meinem Bett, dann ein Sofa und zwei Sessel. Alles wie immer also? Von wegen! An diesem Tag habe ich mir eine in der heutigen Zeit wohl eher unübliche Einschränkung auferlegt – keine Medien!

Doch vorher möchte ich die Entstehung kurz erläutern. Dazu gekommen war es, weil wir uns im Rahmen eines Journalismus-Seminars mit dem Thema ‘Echtzeitjournalismus’ beschäftigten. Dabei haben eine Kommilitonin und ich folgende These aufgestellt: ‘Echtzeitjournalismus als Gast am Esstisch – Auswirkungen einer 24/7-Gesellschaft’. Mit diesem Thema wollten wir uns also etwas genauer auseinandersetzen. Die eigene Mediennutzung reflektierend, fiel uns auf, dass uns Echtzeitjournalismus gerade in Form von sozialen Netzwerken, z.B. ‘Facebook’ und ‘Twitter’, als ständiger Begleiter durchs öffentliche Leben dirigiert. Doch auch andere Medien, wie etwa  ‘Spiegel Online’ oder die ‘Süddeutsche’ präsentieren mittlerweile an Aktualität kaum zu übertreffende Online-Angebote. Daher waren wir der Annahme, ein Selbstversuch mit komplettem Medienentzug könnte die Auswirkungen dieser Entwicklung deutlich hervorbringen. Um das ganze noch auf die Spitze zu treiben entschloss ich, mich den Tag vor meinem medienfreien Tag mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln medial zu ‘bombardieren’.

Das ‘Borbardement’ beginnt

Ich sitze also abends am Schreibtisch vor meinem Notebook, links neben mir der Fernseher. Natürlich so gedreht, dass ich von meinem Platz aus sowohl fernsehen als auch surfen kann. Nachdem ich mir tagsüber mit den verschiedensten Inhalten die Zeit vertrieben habe, hier ein ‘Like’, da ein ‘retweet’, dort ein Youtube-Video und zwischendurch der regelmäßige Kontakt zu Freunden, entschließe ich mich, erstmals beim sonntäglichen Tatort schauen nebenbei zu twittern. Hashtag Tatort, ich bin gespannt! Noch ist relativ wenig los, aber es läuft ja auch die Tagesschau. Pünktlich zu Beginn sprudeln die Tweets in rasender Geschwindigkeit über meinen Bildschirm. Ich kann den Tatort und die Tweets gleichzeitig gar nicht verfolgen. Nein, ich kann nicht mal nur die Tweets verfolgen. Es ist atemberaubend, wie viele Menschen zu jeglicher Szene etwas zu ‘zwitschern’ haben. Um einzelne Kommentare abzufangen und durchzulesen, muss ich die Leiste anhalten.

Es gibt unterschiedlichste davon. Die einen regen sich über die “stümperhafte Inszenierung” auf, die nächsten lassen uns Leser lediglich wissen, wer alles mit ihnen zusammen Tatort schaut. Ein traumhafter Sonntagabend, zusammengepfercht auf der Couch vor dem Fernseher – ich kann es mir lebhaft vorstellen. TatorttweetWieder andere greifen aktuelle gesellschaftliche und politische Themen auf und versuchen mit etwas Witz und Hohn zu überzeugen, wie dieser Twitterer, der dafür auch gleich positives Feedback in Form von ‘favorites’ und ‘retweets’ erntet. Zwischendurch gönne ich mir ein paar Minuten Auszeit vom Twittermarathon und ‘genieße’ den Tatort. Diesmal wirklich ein ziemlicher Griff ins Klo. Die Tweets, die ich nebenbei aber ab und an durchlese, erheitern durchaus und geben dem ganzen eine gewisse Würze. Die gesunde Portion Ironie und Sarkasmus, die ich am Sonntagabend als angenehm empfinde. Nach getaner ‘Arbeit’ lege ich mich zufrieden ins Bett und bin gespannt auf den morgigen Tag.

Askese statt Twitterbolognese

Dieser beginnt, wie bereits eingangs beschrieben, an und für sich wie jeder andere Montag. Nur das mein allmorgendlicher Griff nach rechts zu meine Smartphone ausbleibt, das ich in weiser Voraussicht gestern Abend schon ausgeschalten habe. Normalerweise bringe ich mich bereits vor dem Aufstehen mit aktuellen Infos von Twitter auf den neuesten Stand und beantworte hier und da eine WhatsApp-Nachricht. Diesmal bleibe ich einfach noch einen Moment lang liegen und sinniere über das vergangene Wochenende. War wieder einiges los im Dresdner Nachtleben. Ich mache mir erstmal gemütlich Frühstuck und trinke einen Kaffee zum wach werden. In der Regel tue ich das beim surfen auf den einschlägigen Nachrichtenportalen, verschiedenen Szeneportalen und auf Facebook. Doch heute setze ich mich mal zum Frühstücken auf die Couch und widme mich voll und ganz dem Essen. Essen als Tätigkeit und nicht nebenbei oder als ‘Lückenfüller’. Ein seltenes Erlebnis, wie mir auffällt. Ich genieße es. Aber irgendwann ist auch das großzügigste Frühstück aufgegessen. Und da sitze ich auch schon das erste mal an diesem Tag auf meinen vier Buchstaben und weiß nicht so recht wohin mit mir. Also überlege ich mir, wie ich den Tag verbringen will. Ich werde wohl lernen, dann in die Uni fahren, nach der Uni noch eine Runde lesen um den Abend dann mit Sport ausklingen zu lassen.

Während der Zeit in den Vorlesungen und dazwischen vermisse ich mein Smartphone gar nicht. Ich passe besser auf, kommuniziere mehr und intensiver mit Kommilitonen. Lediglich an meinem verschobenen Zeitgefühl merke ich, das etwas fehlt – ich bin kein Uhrträger. Allerdings habe ich gestern ja noch intensiv das aktuelle öffentlich Geschehen verfolgt und bemerke: es ist wie eine spannende Geschichte. Ich möchte natürlich wissen, wie es mit verschiedenen Themen weitergeht. In Dresden wurde für heute ein Demonstrationsverbot ausgesprochen und ich kann die aktuelle Entwicklung nicht verfolgen. Das wurmt mich ein wenig, aber ich weiß: die Informationen sind morgen ja nicht auf einmal weg. Wie wäre es eigentlich, wenn von heute auf morgen alle Informationen aus dem Internet verschwinden würden? Wie viele Informationen wären wohl noch in den Köpfen der Menschen gespeichert? Fragen, die man sich stellt, wenn man sich ‘Internetaskese’ auferlegt hat. Beim Lesen eines englischen Textes nach der Uni fällt mir auf, wie lange es doch dauert jeden englischen Begriff, der mir nichts sagt, im Wörterbuch nachzuschlagen anstatt das Wort einfach schnell auf ‘www.dict.cc’ einzugeben. Das Leben entschleunigt sich wirklich ohne den Einsatz des ‘Alltime-information-fast-and-now-Internets’. Nachdem ich nun einige Zeit über meinen Politikbüchern verbracht habe, fahre ich gegen Abend nochmal in die Kletterhalle. Abwechslung und der eine oder andere soziale Kontakt. Das tut gut. Ausgepowert und zufrieden falle ich ins Bett und nutze die Zeit vor dem Einschlafen um den Tag Revue passieren zu lassen.

Bewusster Genuss

Zusammenfassend lässt sich wohl sagen, dass Echtzeitjournalismus – gerade in Form sozialer Medien – Einzug in unseren Alltag gehalten hat. Als ständiger Begleiter und Informant bietet er einige Vorteile, die ich nicht mehr missen möchte. Es macht Spaß, Erlebtes mit Freunden zu teilen und zu wissen, wie es ihnen ergeht. Es ist hilfreich, gerade in der sich immer schneller wandelnden Gesellschaft, politisch und wirtschaftlich auf dem aktuellsten Stand zu sein und einen amüsanten Zeitvertreib stellen Echtzeitjournalismus sowie Medien im Allgemeinen ohnehin schon lange dar. Andererseits fühlte ich mich an meinem medienfreien Tag auch irgendwie entschleunigt, befreit, sensibler für meine Umwelt. Ich konnte fokussierter lernen und meine Konzentration hat sich eindeutig erhöht. Hier sehe ich das große Potential eines bewussteren Gebrauchs solcher Medienformate. Ich muss, nein ich kann nicht immer über alles Bescheid wissen. Dessen bin ich mir aber nicht immer bewusst durch die Fülle an Informationen, die mir tagtäglich zur Verfügung stehen. Zeit für mich,, Zeit um Dinge zu reflektieren, Zeit um Dinge bewusster zu erleben, die nehme ich mir zukünftig häufiger. Denn die Welt dreht sich auch weiter, ohne dass ich weiß mit welcher Geschwindigkeit.

Weiterführende Informationen zu diesem Thema finden Sie hier.

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