In der Informationsflut ertrinken

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Gefahren des Echtzeitjournalismus

Schneller, höher, weiter. Drei Prinzipien der modernen Welt. Aktualität und Schnelligkeit zählen immer häufiger zu den wichtigsten Phänomenen des Journalismus. Doch wie häufig kommt es dabei zu Flüchtigkeitsfehlern?

Von Anna Jäpel und Natalie Lange

Das Jahr hat noch nicht einmal begonnen, da überschlagen sich bereits die Ereignisse in der Welt – und folglich auch in den Medien. Attentäter nehmen Geiseln in Paris. Natürlich sind unzählige Journalisten live dabei. Über Telefonate werden Interviews mit den Geiselnehmern geführt, wie mit jedem gewöhnlichen Star oder Politiker auch. Informationen werden veröffentlicht, die womöglich die Sicherheit der Geiseln gefährden könnten. Der Druck auf die Berichterstatter ist so groß, dass Falschmeldungen immer häufiger an den Tag treten, da den Journalisten nicht die Zeit bleibt, um ihre Informationen zu überprüfen. Eine Grenzüberschreitung, oder gerechtfertigte Berichterstattung?

Echtzeitjournalismus – Was ist das überhaupt?

In der modernen Welt des Internets wechseln neuste Meldungen innerhalb von Sekunden ihren Besitzer. Egal ob Facebook, Twitter oder Instagram, nur wenige Klicks genügen, um hunderte Freunde durch ein Bild darüber zu informieren, dass man soeben von einem Date mit dem Freund wiederkommt und sich „#inlove“ fühlt. Kein Wunder, dass auch die Medien rasch die Vorzüge des Internets erkennen und sich zu Nutze machen. Das dabei auftretende Phänomen bezeichnet man allgemein als Echtzeitjournalismus.

Die Journalistin Petra Sorge definiert den Begriff “Echtzeitjournalismus” als eine gemeinhin live, beziehungsweise sehr zeitnah am Ereignis liegende Berichterstattung per Text, Ton und Bild unter Einbeziehung sozialer Medien. Beispiele sind allgemein bekannt – seien es Liveticker zu Sportereignissen oder Twitter Accounts zu bestimmten Themen.

Die kurze Leine der sozialen Netzwerke

Nach 140 Zeichen ist Schluss mit dem twittern. Auch YouTube Kommentare werden nach einer bestimmten Länge nur noch teilweise angezeigt und müssen manuell durch einen Mausklick verlängert werden. Ab 160 Zeichen zahlt man für die SMS doppelt. Technologie bringt den jungen Generationen bei, sich kurz zu fassen. Abkürzungen wie LOL und ROFL prägen daher ihre Sprache. Natürlich wirkt sich das auch auf die Medien aus. Wer will schon einen Text lesen, der aus tausenden Zeichen besteht, wenn man kurze, prägnante Wortabfolgen gewohnt ist.

Hier zeigt sich das erste Problem des Echtzeitjournalismus. Wie soll es dem Journalisten gelingen, einen umfassenden Bericht zu verfassen, welcher einen objektiven Blick auf das Für und Wider wirft, wenn ihm dafür nur 140 Zeichen zur Verfügung stehen? Gar nicht. Nachrichtenportale verweisen daher oft über Twitter auf ihre Webseiten. Doch auch dort finden sich Anzeichen für die immer mehr schwindende Aufmerksamkeit der Leser. Denn bereits beim Aufbau des Artikels zeigt sich, dass dem Leser möglichst frühzeitig eine grobe Zusammenfassung des Themas geliefert wird, da sich die Berichte immer von hinten kürzen lassen. Die unwichtigsten Informationen werden also ans Ende gestellt, für den Fall, dass es der Leser nicht bis dahin schafft.

Kriterien der Nachrichtenauswahl

BahnDie meisten Menschen nehmen sich nicht die Zeit, sich umfassend mit den Nachrichten auseinanderzusetzen. Sie fordern die neusten Informationen jetzt… sofort. Über das Smartphone ist man heutzutage überall erreichbar und hat in der Bahn, während des Frühstücks, oder in einer Warteschlange gerade einmal noch genug Zeit, um durch die jüngsten Schlagzeilen zu scrollen. Krieg. Krieg. Das neue, süße Tierbaby im Berliner Zoo. Politische Streitigkeiten. FC Bayern. Ausländerfeindlichkeit. „Super“, scheinen sich die meisten zu denken. „Jetzt fühle ich mich bestens informiert und bereit am öffentlichen Diskurs teilzunehmen.“

Der moderne Mensch fordert Informationen augenblicklich und bitte möglichst kurzgefasst an. Keine Minute soll vergehen, zwischen dem Ereignis und der darauf folgenden Berichterstattung. Dabei entsteht ein enormer Druck zwischen den einzelnen Informanten. Schnelligkeit ist die Währung des Echtzeitjournalismus. Wer Nachrichten zuerst verbreitet, bekommt die meisten Klicks und kann damit, dank Werbeeinnahmen, den höchsten Umsatz verbuchen. Doch was geschieht, wenn Schnelligkeit zu Flüchtigkeit übergeht? In der Hektik der Berichterstattung ist es den Journalisten kaum noch möglich, die erhaltenen Informationen auf ihre Validität zu überprüfen. Ein präzise ausformulierter Artikel, hinter dem investigative Recherche steht, benötigt schließlich Zeit. Deshalb werden häufig Fehlinformationen veröffentlicht. Bei einem Amoklauf in Amerika zeigten die Berichterstatter über eine Stunde lang nicht das Bild des mutmaßlichen Täters, sondern das seines Bruders.

Stat_GewaltFür die meisten großen Medienhäuser liegt der wichtigste Aspekt nicht mehr länger beim Qualitätsjournalismus, sondern auf den durch Werbeeinnahmen einzunehmenden Geldern. Statistiken zeigen, dass sich dabei Kriminalität und Terror am besten verkaufen. Wenn es sich anschließend beim Ort des Geschehens auch noch um einen ähnlich demokratisch, liberalen Staat wie Deutschland handelt, umso besser. Denn dann können sich die Leser in die Krisensituation hineinversetzen und projizieren die Probleme der Ferne auf ihre eigene soziale Situation. Dass es bei der folglich entstehenden Berichterstattung oft zur Verletzung von Persönlichkeitsrechten oder Bildung möglicher Feindbilder kommt, scheint von den Medien wenig beachtet zu werden.

Unerwartete Folgen

Es sind Schlagwörter wie „Terrorismus“, „Islamisten“ und „Kampf der Kulturen“, die in den Livetickern zu Charlie Hebdo fallen. Während die neusten Meldungen in kurzen Sätzen über den Bildschirm des Laptops oder Smartphones flackern, bleibt dem Journalisten keine Zeit, um auf die Beweggründe für das Handeln der Attentäter einzugehen. Was die Leser interessiert sind Taten. Wann werden die Geiselnehmer endlich geschnappt und gibt es Überlebende? Die roh aufgezählten Fakten mögen zwar objektiv und wertungslos erscheinen, lassen aber trotzdem ein ganz bestimmtes Bild im Kopf der Menschen entstehen. Folglich kehrt ein gemeinsamer Faktor immer wieder: Charlie Hebdo war ein islamistischer Anschlag.

Der Echtzeitjournalismus lässt keinen Raum, um zu erklären, dass es sich bei den Attentätern um Extremisten handelt, die keineswegs den grundsätzlichen, islamistischen Glauben vertreten. Kein Wunder, dass es dadurch zu Volksbewegungen wie „Pegida“ kommen kann.

Und natürlich können sich nicht nur die Medien irren. Bedenkt man selbst, wie schnell sich ein falsches Gerücht im Freundeskreis ausbreiten kann, möchte man sich gar nicht vorstellen, wie geschwind Fehlinformationen und Lügen in einem weltweit zugreifbaren Netzwerk wie Twitter verbreiten werden können. Während Medien die meisten Informationen wenigstens augenscheinlich auf ihre Validität prüfen und nicht jedes Wort für Bahre Münze nehmen, fehlt diese Eigenschaft manchen Menschen. Solche Umstände führen dann zum Beispiel dazu, dass auf Tumblr folgender Post existiert: Samsung erbrachte einst eine Schadensersatzzahlung an Apple in Höhe von 290 Millionen Euro in Form von tonnenschweren, mit einzelnen Münzen beladenen LKWs. Dass es sich dabei anfänglich nur um den Scherz einer Einzelperson gehandelt hat, wissen die wenigsten, denn der Post ist unterlegt mit den Worten „Nobody hates Apple as much as Samsung“ und besitzt hunderttausende Notes.

Es liegt am Leser selbst, sich nicht von den vielen, glitzernden Informationen des Echtzeitjournalismus benebeln zu lassen. Vielmehr sollte er hinter dessen scheinheilig extrem informative Fassade schauen. Bei der Nutzung von Livetickern und sozialen Netzwerken muss immer bedacht werden, mit welch unglaublicher Dringlichkeit die dort verbreiteten Meldungen herausgegeben wurden. Außerdem handelt es sich bei der Berichterstattung des Echtzeitjournalismus nur um kleine Informationsbrocken, die dem Leser gestückelt übermittelt werden. Ob man deshalb einen Überblick der Gesamtsituation besitzt, bleibt in Frage zu stellen.

(Foto: Rogers Cadenhead, Flickr)

(Foto: Comrade Foot, Flickr)

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