Tweeter, Blogger, Schreiberlinge – Lasst uns Journalisten sein!

Der "Citizen Journalist"

Kann jeder Echtzeitjournalist sein? In unserer digitalisierten Gesellschaft verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen Echtzeitblogger und professionellem Journalisten.  Wo liegen da noch die Unterschiede? Ist professioneller Echtzeitjournalismus überflüssig?

Der Himmel gräulich und bewölkt, gleich wird es wohl anfangen zu regnen. Ich stehe hier in einer Traube von Menschen. Heute ist wieder Demotag in Dresden. Wie jede Woche warten alle gespannt auf Informationen und Updates, die ab und zu über die Lautsprecher von Dresden Nazifrei ertönen. Mit dem Handy suche ich die für heute wichtige Webseite.
Aah okay, ich bin drin: Twitter, Seite von Dresden Nazifrei.

DD-Nazifrei

Einen Tag später in Frankfurt. Auch hier die gleiche Situation. “Fragida” versucht eine Demonstration abzuhalten. Obwohl ich nicht vor Ort bin, kann ich mich auf der Webseite der Frankfurter Rundschau live darüber informieren, was gerade passiert.

FF-Rundschau

An diesem Beispiel sieht man: Die Grenzen zwischen journalistischen Formaten und sozialen Netzwerken, in denen jeder veröffentlichen kann, scheinen zu verschwimmen, wenn es darum geht, schnell, am besten in Echtzeit an Informationen zu gelangen.

Aus welcher Quelle informiere ich mich nun? Verfolge ich den Liveticker einer professionellen Tageszeitung oder doch lieber die Facebookseite eines gesellschaftlichen Bündnisses wie Dresden Nazifrei? Oder schau ich mir einfach an, was mein Kumpel auf Facebook minutengenau dazu postet?

Eigentlich ganz egal, die Information ist scheinbar die gleiche. Der Ticker von Dresden Nazifrei scheint an Qualität und Informationsgehalt dem der Frankfurter Rundschau in nichts nachzustehen. Im Gegenteil scheint sich hier im Beispiel sogar ein Tippfehler eingeschlichen zu haben: In Frankfurt hat bestimmt keiner mit einem Stuhl geworfen.

Die Verfasser und Verbreiter von Neuigkeiten sind also nicht mehr nur professionelle Journalisten. Jeder kann wenn er will Informationen an ein großes und disperses Publikum verbreiten.
Setzt diese Konkurrenz die professionellen journalistischen Formate unter Druck? Kommt es dadurch dazu, dass Liveberichterstattung, also der sogenannte “Echtzeitjournalismus” auch für die klassischen Medien immer wichtiger wird?

“Kaum ein Faktor hat so zur Beschleunigung des Journalismus beigetragen wie die sozialen Netzwerke.” […], heißt es in einem Artikel der BpB zum Thema Echtzeitjournalismus. “Der CitJo – citizen journalist – und zunehmend auch der MoJo – mobile journalist – sind längst am Ort des Geschehens und twittern” .

Doch was unterscheidet denn den “CitJo” noch vom professionellen Journalisten? Wenn sogar schon ein Begriff erfunden wird, der den normalen tweetenden Bürger als Journalisten bezeichnet, dann lässt sich doch auch die folgende These plausibel aufstellen:

Jeder kann Journalist, oder zumindest Echtzeitjournalist sein.
Ist dem so? Ist der professionelle Echtzeitjournalismus überflüssig?

Bei wem kommt’s an?

Dass die Menschen zunehmend das Internet, und hier besonders auch die sozialen Netzwerke zur Informationsbeschaffung über Politik und Zeitgeschehen nutzen, ist eine Tendenz, die im Zuge unserer digitalisierten Gesellschaft auf der Hand liegt.
Die Facebookseite von Dresden Nazifrei hat 43. 000 Abonnenten. Das Mitglied der Organisation, das die Meldungen zur PEGIDA- Demonstration postet, erreicht an diesem Tag theoretisch also mindestens 43.000 Menschen.
Wie viele Leute sich über die Webseite der Frankfurter Rundschau informiert haben, ist so leicht nicht ersichtlich. Auf Facebook hat die regionale Tageszeitung jedenfalls um die 45.000 Abonnenten. Kein großer Unterschied zum Bündnis Dresden Nazifrei.

Der Unterschied besteht hier eher in dem Fakt, dass klassische Medien wie die Frankfurter Rundschau oder Spiegel Online eine größere Bandbreite an Menschen verschiedener Meinungen und politischen Spektren erreichen können, während sich gesellschaftliche Gruppen oder auch private Blogger meist eher direkt einem Meinungsspektrum oder einer politischen Gesinnung zuordnen und folglich zumeist auch das entsprechende Publikum erreichen.
Silvio Lang, Sprecher von Dresden-Nazifrei bestätigt das: “Die klassischen Medien haben immernoch eine enorme Multiplikatorenfunktion für uns, weil sie viel mehr Menschen erreichen können. Auch Gruppen, die sich direkt bei uns nicht informieren würden.”

Schnelligkeit vs Qualität?

Stefan Locke, freier Journalist bei der FAZ, stellten wir die Frage, was denn nun das Kriterium sei, das letztendlich den Unterschied macht zwischen dem Liveticker eines klassischen journalistischen Formats und dem eines normalen Bürgers. Als Antwort bekamen wir:
“Als Journalist hat man die Aufgabe einzuordnen, zu bewerten und die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen. […] Diesem Qualitätsanspruch ist man auch online verpflichtet, ganz im Gegensatz zu einem normalen Blogger oder Vertreter einer Gruppierung im Netz”

Soweit so gut. Aber ist das bei der Geschwindigkeit von Liveberichterstattung überhaupt noch in erforderlichem Maße zu bewerkstelligen? Informationen zu kontextualisieren und auf Korrektheit zu überprüfen erfordert Zeit, die man sich auch im professionellen Echtzeitjournalismus mitunter nicht mehr nimmt. Erwähnt sei an dieser Stelle nur wieder der Polizist, der in Frankfurt vermeintlich mit einem Stuhl beworfen wurde.
Auch Stefan Locke gibt zu: “Die bisherige Erfahrung zeigt: Je mehr die Geschwindigkeit zunimmt, desto mehr Fehler treten auf. Da kommt es zu Zweifeln an der Seriösität und Qualität.”

Ebenjene Qualität des Echtzeitjournalismus wird aber oftmals an der Schnelligkeit gemessen. Das ist zwangsweise so, denn sonst kann das Onlinemedium nicht mit dem Blogging auf sozialen Netzwerken mithalten.
Gibt es demzufolge qualitativ also doch keinen relevanten Unterschied?
Dem widerspricht Locke entschieden:
“Da sehe ich aber eben doch den Unterschied.[…] Klar, es gibt immer auch Straßenfußballer, die es besser können. Aber ich würde sagen, dass eine Ausbildung und ein gewisses Maß an Erfahrung dafür sorgen, dass es auch in hoher Geschwindigkeit zu einer vernünftigen Berichterstattung kommt.”
Wünschenswert wäre es definitiv.

“Wir wollen weder neutral noch objektiv sein.”

Doch die Qualität einer Meldung definiert sich auch durch ihre Objektivität. Ein klassisches journalistisches Medium ist dieser verpflichtet, es darf nicht einseitig berichten. Der journalistische Liveticker wird mit der Intention geschalten, die Lage allumfassend zu schildern. Der private Blogger oder ein gesellschaftliches Bündnis erhebt diesen Anspruch jedoch nicht.
“Wir[..] wollen weder neutral noch […] objektiv sein. […] Unser Ziel ist, ungefiltert Informationen, die wir für wichtig halten, an die Menschen zu bringen.[…] Es geht uns weniger darum, dass Unbeteiligte, die aus welchen Gründen auch immer die Aktionen aus der Ferne verfolgen, einen vollständigen Überblick erhalten.”, so Silvio Lang von Dresden Nazifrei.

“Bei Twitter weiß man nicht, wer dahinter steckt.”

Weiterhin spielt vorallem im Medienzeitalter die Quelle und deren Transparenz und Verlässlichkeit eine entscheidende Rolle. Nachrichten begegnen uns nicht mehr nur beim Blick in die Zeitung, sondern immer und überall, quasi als ständiger Informationsfluss. Da stellt sich natürlich die Frage: Welcher Quelle vertrauen? Welche Meldung glauben, wenn sich Tweets und Meldungen verschiedener Webseiten mitunter widersprechen?

FAZ- Journalist Locke warnt vor Beiträgen in sozialen Netzwerken. “Allein darauf [könne] man sich nicht verlassen”, denn “bei Twitter weiß man ja nicht wer dahinter steckt.
Bei Spiegel Online oder der FAZ hingegen, kann nicht jeder schreiben. Das Personal ist bekannt und die Quelle der Information nachvollziehbar.
Auch hier also ein eindeutiger Unterschied zwischen professionellem Echtzeitjournalismus und dem tweetenden citizen journalist.

Um die Frage, ob denn nun jeder Echtzeitjournalismus machen kann, beantworten zu können, müssen wir uns selbst fragen, was wir vom Journalismus erwarten und wie wir diesen definieren.

In Deutschland ist die Berufsbezeichnung “Journalist” nicht geschützt. Jeder kann sich so nennen, jeder kann publizieren, jeder kann seine Meinung und seine Ansichten in die Welt hinausposaunen. Und jeder kann potentiell ein Publikum dafür finden.
Das ist einerseits gut, denn so haben wir die Chance, unsere Gesellschaft aus den verschiedensten Blickwinkeln wahrzunehmen.
Andererseits heißt das aber bei Weitem nicht, dass jede Veröffentlichung journalistischem Anspruch genügt. Im Gegenteil müssen wir alle privat für uns selbst dahingehend ein Stück zum Journalisten werden, alsdass wir mit Sorgfalt mit Nachrichten umgehen. Indem wir selbst reflektieren und darauf achten, an Meldungen und Meinungen aus verschiedenen Spektren zu gelangen.

Denn sonst kann die Fülle an Informationen zum Risiko werden. Denn sonst kommt es schnell dazu, dass man nur noch die Informationen wahrnimmt, die der eigenen Meinung entsprechen und sich die Nische der Gesellschaft sucht, die diese teilt.

Und das hat das Potential, eine Gesellschaft zu spalten.
Und dann stehen wir Woche für Woche Menschen gegenüber, die rufen: “Lügenpresse!”.

Anne Juschka und Teresa Cramer

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