Tickern die noch ganz richtig?

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13:32 Uhr: Ich sehe aus dem Fenster.

13:36 Uhr: Ein Vogel sitzt auf dem Ast einer Buche. Er hat ein dunkles Federkleid.

13:41 Uhr: 2 Kinder spielen mit einem Ball.

13:45 Uhr: Der Ball fliegt Richtung Buche. Der Vogel fliegt weg.

13:55  Uhr: Eine Raupe krabbelt draußen auf der Fensterbank.

Im Zeitalter des Internets, des superschnellen Informationszugriffs, werden Live-, News-Ticker extrem viel genutzt. Sie sind praktisch. Das kann keiner bestreiten. Jedoch sollte der Bedarf an solchen Produkten eigentlich längst übersättigt sein. Doch hier verhält es sich wie bei der kleinen Raupe Nimmersatt: sie bekommt nicht genug.

Wie man gesehen hat, verbindet ein Großteil der Leute Live-Ticker mit Sport, wenn sie das Wort hören. Zu vielen Themen gibt es sie, aber: Wie sehen sie aus? Was machen sie gut? Was machen sie schlecht? Braucht man die? Diese Fragen werden anhand ausgewählter Beispiele versucht zu beantworten.

FOCUS-Online Live-Blog zum Erdbeben in Nepal

Eine erneute Naturkatastrophe ereignete sich vor einigen Monaten im Himalaya. Die Online Redakteurin des FOCUS, Linda Wurster, war vor Ort mit einem Helferteam der Humedica. Aus dem Gebiet hat sie nach dem schrecklichen Ereignis Bilder und Emotionen eingefangen.

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Es ist kein Live-Blog der minutengenau getaktet ist. Sie erzählt tagebuchweise einzelne Einträge mit Zeit- und Ortsangabe. Die Erzählperspektive in der Ich-Form ist sehr angenehm. So ein „Tagebuch“ aus einem gefährdeten Gebiet berichtet nicht nur, es lässt auch nachvollziehen, wie sich diejenige in einer solch schwierigen Situation fühlt. Dieser persönliche Bezug ist eine erfrischende Art der journalistischen Onlinetätigkeit.

Gestalterisch bleibt hier alles schlicht, ausgenommen der Werbung und anderen Meldungen außerhalb der Ticker-Leiste. Selbstverständlich sind hier auch Bild- und Videomaterial vorhanden. Dieses lässt sich entweder direkt abrufen oder ist durch einen Link extern zu sehen. Abwechslungsreich und informativ. FOCUS-Online: gut gemacht.

 

Live-Ticker der Kicker-App

Sport ist ein wichtiger Bestandteil vieler Menschen in Deutschland. Bei der beliebtesten Sportart der Deutschen, dem Fußball, möchten sie auch unterwegs spannende Spiele verfolgen können.

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Die Kicker-App (vom gleichnamigen Sportmagazin) bietet als Feature den Kicker-Ticker zu vielen Fußballpartien. Er ist sehr übersichtlich,minutengenau, schnell. Die Meldungen knapp, kurz, verständlich und natürlich leicht nachvollziehbar. Eine sehr gelungene Alternative zum Fernsehen oder Live-Radio, aber die Stadionatmosphäre kann hier leider nicht übertragen werden. Zu erwähnen ist noch, dass sie ein neues Design bekommen hat und der Live-Ticker selbst auch verbessert wurde.

 

Als neue Informationsquelle kamen die Live-Spieldaten hinzu, die dem Benutzer stets aktualisierte Statistiken des Spiels anzeigen. Die Pusch-Benachrichtigung ist ein weiteres wichtiges Tool einer solchen Sport-App: bei spielentscheidenden Ereignissen, wie Tore oder roter Karten, erhält man eine kurze Benachrichtigung. (siehe WhatsApp)

Es gibt einen sehr großen Marktplatz für Smartphone-Apps und auch sportbezogen. Wenn man sich aber fix unterwegs über Nachrichten in der Sportwelt informieren möchte, bleibt man am besten am Kicker-Stand stehen.

 

Minutenprotokoll der Apple Präsentation (Resort Netzwelt von Spiegel-Online)

Im März dieses Jahres erschien die Apple Watch, die neueste technische Spielerei des Konzerns. Markus Böhm, Sebastian Meineck und Matthias Kremp waren unter anderem bei der Enthüllung des neuen Produkts in San Francisco  für Spiegel-Online anwesend. Auch wurden andere Produkte vorgestellt, wie ein neuer Streaming-Dienst oder das neue MacBook, jedoch lag der Fokus hier auf der Smartwatch.

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Der Ticker an sich ist einfach strukturiert, mit vielen Informationen gefüttert und auch mit Fotos versehen. Es fällt aber auf, dass nur ein Journalist den Ticker mit Infos versorgt. Die anderen beiden leisten kaum einen Beitrag dazu. Bei einer Präsentation die über 90 Minuten lang dauert und Tickermeldungen höchstens vier Minuten voneinander Abstand haben, sind zwei kurze Randinformationen nicht gerade viel. Dabei sein war anscheinend alles. Eine grundlegende Frage dennoch: Warum einen Live-Ticker hierfür? Sollte es eher ein Publicity-Artikel sein, um an Spiegel-Online-Nutzer mit dem nötigen Kleingeld zu appellieren? Denn ein goldenes Minismartphone fürs Handgelenk kostet über 10.000 €.

Im Endeffekt hat Spiegel-Online hier sicher eine Lücke gefüllt mit Lesern, die die Show der neuesten Apple-Innovation unbedingt im Minutentakt verfolgen mussten. Aber die verstrichene Zeit hierfür bekommt man auch nicht mit so einer Uhr zurück.

 

mdr.de Liveticker zu Pegida und Gegenprotesten in Dresden

Mitte April kam der niederländische Islamfeind Geert Wilders nach Dresden um vor den Pegida-Anhängern zu sprechen. Um die Situation rund um das Ereignis zu schildern, veröffentlichte die Website des Mitteldeutschen Rundfunks hierzu einen Live-Ticker.

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Dieser berichtet ab 12 Uhr Mittag bis in den Abend hinein ca. alle 10-15 Minuten ein neuer Eintrag. So ist er nicht zu überladen und bleibt übersichtlich. Die Redakteure sammeln sämtliches Material, bereiten es auf und packen es in verständliche Meldungen. Diese sind relevant und lassen den Nutzer ausreichend das Geschehen rekonstruieren. Solche Aspekte sollte eigentlich jeder Eintrag in Live-Blogs oder ähnlichem haben. Zentrale Aussagen der Rede Wilders werden samt Zitaten integriert. Die Gestaltung ist sehr schlicht gehalten: weniger ist mehr.

Wie bei den allermeisten Tickern, gibt es Bild- und Videosequenzen in Hülle und Fülle. Aber ein besonders nützliches Instrument ist eine Karte: diese zeigt wichtige Stationen rund um die Protestaktion, wie Kundgebungen und Routen.

Dieser Liveticker hat vieles richtig gemacht. Er ist dem Zweck entsprechend gut produziert. Die Daseinsberechtigung hat er durch das sensible Pegida-Thema, weil man dies auch aus einer Perspektive rund um dieser Veranstaltung berichten sollte. Prädikat: Sehr gut.

 


 

Die Vielfalt der abgedeckten Themen des Echtzeitjournalimus ist groß und wächst. Es werden News-Ticker über die banalsten Veranstaltungen verfasst, um noch mehr Nischen zu bedienen. Nur wie lange noch? Bis die Raupe mal genug hat und zu einem Schmetterling wird, dauert das wohl noch ein Weilchen.

Ante Beslic

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