Das veränderte Rollenverständnis der Journalisten

Online NewsDas Internet bietet eine Vielzahl an Angeboten: kostenfreie Musik, Filme, Artikel. Blogs, die sich mit speziellen Themen wie dem eigenen Stadtteil oder dem ausgefallenen Hobby beschäftigen, Fernsehsender, die ihre sendungsbegleitende Kommunikation auf Plattformen wie youtube, twitter & co verlagern. Der Leser und Zuschauer kann wählen, was er begehrt und interagieren, wann und mit wem er möchte.

von Christine Elmer

Wie sieht es aus mit den Journalisten? Laut einer Bitkom-Studie von 2014 sind sie wie alle anderen viel im Internet unterwegs, vor allem für Recherchearbeiten und Kommunikation: Online-Medien werden mittlerweile häufiger als die klassischen Medien genutzt, um die Nachrichten- und Themenlage zu beobachten, aber auch, um eigene Artikel via facebook oder twitter zu teilen.
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Das Internet als Recherche- und Kontaktpool für Journalisten, für den Leser die erste Adresse um an Informationen zu kommen. Mehr als die Hälfte der Befragten einer Bitkom-Statistik von 2013 gaben an, dass sie sich online über politische Themen informieren.

Doch wie wirken sich die Innovationen der letzten zehn Jahre auf die Journalisten aus? Zwei Dresdner Kulturjournalisten gaben in einem Telefoninterview Auskunft:


Susanne Magister ist freiberufliche Journalistin in Dresden und bearbeitet überwiegend Kulturthemen (u.a. für die Dresdner Neueste Nachrichten). Sie studierte Kunstgeschichte, Germanistik und Kommunikationswissenschaften an der TU Dresden und hat schon während des Studiums als freiberufliche Redakteurin und Journalistin für die Hochschulzeitung ad rem und kleinere Magazine gearbeitet.

Andreas Körner ist seit 1984 Musik- und Filmjournalist in Dresden. Als Graue Eminenz der Stadt schreibt er an gegen provinzielle Verhältnisse und das Einigeln des Lokaljournalismus. Außerdem moderiert er “Körners Corner – reden über Film“, leitet Workshops und ist Teil der Auswahlkommission des Filmfest Dresden.


 

Was halten Sie von der Entwicklung hin zum Onlinejournalismus und wie bewerten Sie ihre aktuelle Situation als Journalist?

Andreas Körner: Was damit einher ging ist eher, dass mir bis jetzt noch kein Portal begegnet ist, das die Journalisten ordentlich bezahlen würde. […] Die Entwicklung in Deutschland hängt so sehr hinterher, bei den Amerikanern ist es längst so, dass es ein Internetabo gibt, das kostet Geld, und die Journalisten werden ordentlich bezahlt, das gibt es bei uns nicht.
Im Printbereich sinken die Zeilenhonorare stetig. Das geht in die falsche Richtung. Bei der DNN ist es mittlerweile nur noch Hobby, keine ernsthafte Finanzierung. Davon kannst Du nicht mehr leben. Da ist der Mindestlohn meilenweit entfernt. Das ist kein Gejammere, das ist Realität. Ich komme nie auf 8,50€ in der Stunde. […] Ich kenne in Dresden keinen einzigen professionellen Musik-Journalisten außer Bernd Gürtler und mich, der ausschliesslich davon leben kann und für Print, Radio, Fernsehen arbeitet. Und im Filmbereich ist es genauso.

Susanne Magister:
Ich mache das nicht ohne Grund nur nebenberuflich, weil ich im Moment nicht die Chance sehe (ich habe ja noch kleine Kinder), das kostendeckend zu machen. Das hat aber weniger mit Print oder Online zu tun, sondern mit der generellen Situation des Marktes. Die Honorare sind in den Bereichen, die ich kenne, nach unten gegangen. Als Freier wird man nach Zeilen bezahlt, man muss jedes Mal wieder kämpfen.

Die schöne neue Online-Welt scheint nicht für alle gewinnbringend zu sein und betrifft auch den Printbereich. Die Journalisten sehen sich der Konkurrenz durch Laien gegenüber, die heute einfach und schrankenlos veröffentlichen können, und einer prekären finanzielle Lage, die sich durch die Entwicklungen des Internet und den damit verbundenen wirtschaftlichen Einbruch im Printbereich ergibt. Daraus ergibt sich die Frage:

Wie sieht Ihr Rollenverständnis aus?

Susanne Magister: Meine Vorstellung ist ein kulturinteressierter Leser egal welchen Alters, der die Themen annimmt. Ich weiß aber, dass in der Realität das kulturelle Interesse in der Bevölkerung und in der Leserschaft vermutlich ein Stück geringer ist als ich mir das vorstelle.
Ich schreibe auf einem gewissen Niveau, da kann ich nicht runter. Für bestimmte Medien würde ich nur mit größten Bauchschmerzen schreiben, weil ich aus der Erfahrung weiß, dass da Artikel komplett umgeschossen werden oder gar nicht durchkämen mit meinem Stil, weil der eben zu kultur-feuilletonistisch ist. Ich kann und will davon nicht abkommen. […] Ich will mir nicht den dümmsten anzunehmenden Leser vorstellen und für den schreiben.

Andreas Körner: Das verändert sich stark. Bei war es so, dass ich am Anfang vor allem Informationen vermitteln wollte. […] Jetzt ist es mehr und mehr Werte vermitteln, Alternativen vermitteln, was es noch woanders gibt. Das geht wahrscheinlich mit dem Lokaljournalismus einher, dass ich nicht konkurrieren will mit einem Journalisten der „Zeit“ oder einem Günther Jauch im Fernsehen, sondern ganz klar versuchen will, die Alternativen für die Stadt zu beschreiben, was man kulturell noch erleben kann und wo man hinzugehen hat. Die Veränderung hat sich mehr in Richtung Wertevermittlung verschoben. Ich mache ein Angebot, dass Nische sein darf.
[…] Ich versuche wirklich zwischen Fach-Journalismus und Lokal-Journalismus einen Mittelweg zu finden. Ich sehe nicht ein, dass Lokal-Journalismus nur heißt, dass ich beschreibe, wie viel Leute dort waren und was die anhatten, sondern dass ich auch schreibe, wer da vorn auf der Bühne stand und welche Platte der gemacht hat und welche Rolle der Künstler in der Welt spielt.

Die Bitkom-Studie bestätigt die Tendenz, die beide hier anklingen lassen: im Vergleich zu 2005 ist 2014 das Rollenbild der “Vermittlung von komplexen Sachverhalten” angestiegen. Dem “Publikum als Ratgeber zu dienen” und “Kritik an Misständen zu üben” ist in den letzten zehn Jahren ebenfalls wichtiger geworden.
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Die Rolle “möglichst schnell Informationen zu vermiteln” ist von den Befragten etwas weniger genannt geworden. Es wird ein Trend zur Abgrenzung zu nicht-professionellen Journalisten sichtbar: professionelle Journalisten wollen sich mit ihrem Rollenverständnis von einer Online-Welt abgrenzen, in der jeder zu jeder Zeit berichten, bewerten und kommentieren kann. Und das non-stop. Sie setzen auf Wissens- und Wertevermittlung und die Erfüllung des Informationsanspruchs, so wie es im Grundsatzprogramm des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) verankert ist (Auszug):
Recht und Pflicht der Journalistinnen und Journalisten ist es, im Rahmen der Freiheitsgarantien des Grundgesetzes an der Erfüllung des Informationsanspruchs der Bürgerinnen und Bürger und an ihrer Meinungs- und Willensbildung mitzuwirken.

 

 

 

Medienmacher_2014Bitkom: Medienmacher 2014 – Recherche, Qualitätsanspruch und Finanzierung im digitalen Alltag, abrufbar bei statista mit der Campus-Lizenz der SLUB

 

über Kulturjournalisten auf der Seite des Deutschen Fachjournalisten-Verbands

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