Ja, ich studiere Medienforschung.

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Eine Kolumne von Marie Knauth über das Studium, die Schwierigkeit zu erklären, was dahinter steckt, die Familie und andere Turbulenzen.

Es ist Samstag. Es ist November. Das bedeutet Familiengeburtstag.
Es ist wieder die Zeit, in der es innen gemütlicher wird, weil es draußen ungemütlicher wird. Es ist wieder die Zeit, in der alle langsam besinnlich werden, friedlich und harmonisch gestimmt. Und es ist wieder die Zeit, in der in meiner Familie eher Stress herrscht. In der Stress herrscht, weil Jahre zuvor Oma und Opa, Tante und Onkel, Mama und Papa ihre Gameten nicht zurückhalten konnten.
Solche Familienfeiern können ja schön sein. Wenn nur die Familie nicht wäre.

Wir kommen also bei meiner Fertigessen-Tante an und schon die Begrüßung „Na, sieht man dich auch mal wieder.“ lässt mich gespannt dem Abend entgegen schauen. Nicht, weil ich gespannt war, wie es verlaufen würde. Das wusste ich von anderen Feiern. Sondern weil ich angespannt war.

Nachdem ich alle begrüßt habe, kommt auch schon meine kleinste Cousine zu mir gerannt. Meine Zappelphilipp-Cousine bekommt seit neustem Tabletten, aber heute wurde die Dosis scheinbar stark reduziert.
– „Darf ich mit deinen Handy spieleeen?
– „Wir trinken erstmal Kaffee, hm? Außerdem bekommt man davon ganz viereckige Augen.“
– „Orrr…ich bin keene dreie mehr.“
Tatsächlich ziehen leider die Ausreden von früher nicht mehr. Dabei hatte ich früher wirklich Angst viereckige Augen zu bekommen.
Am Tisch werden dann zuerst die üblichen Themen wie Krankheit und Arbeit durchgekaut. Allerdings geht es allen scheinbar äußerst gut momentan, weswegen schnell ich und mein Studium ins Visier geraten. Ich sage „Medienforschung studiere ich“ und sehe fragende Blicke. „Was‘n das?“, fragt mein Soldaten-Onkel. „Or, Papa, GIDF.“, antwortet meine Teenie-Cousine für mich und geht augendrehend aus dem Raum. Das wirft ihn total aus dem Konzept und man sieht, wie sein Gehirn verzweifelt Wörterkombinationen sucht, die die Abkürzung entkürzen. Ausgerechnet meine Neuzeit-Oma hilft ihm: „Mensch, Goggel ist dein Freund heißt das. Da haben sich vor kurzem Zweie in der Bahn drüber unterhalten.“
Als das geklärt ist, rücke ich wieder auf den Bildschirm. In verschiedenen Versionen werde ich mit Fragen bombardiert. „Was bedeutet denn der Studiengang?“, „Medienforschung!?“, „Was man kann man denn damit machen?“, „Was lernt man denn da?“, „Brauch man das denn?“. Ich fühle mich wie ein Nichtschwimmer im Schwimmerbereich. Ohne Schwimmflügel. Verzweifelt versuche ich mich über Wasser zu halten, aber meine Neuzeit-Oma taucht mich letztendlich noch unter: „Ach, die viele neimodsche Teschnig brauch doch niemand.“ Touché.

Während ich noch fünf Minuten später über einen Konter nachdenke, der nur halb so vernichtend wäre, kommt meine Teenie-Cousine wieder, am Handy tippend, was schon sehr viel Spannungspotenzial birgt. Ich zähle innerlich los. 1…2…3…4…Da meine Familie dazu neigt, Dinge auf den Punkt zu bringen, 5…6…7…kommt es aus mehreren Ecken…8… „Haaaandy!“. Wahrscheinlich in stiller Hoffnung so ihren Aufforderungen mehr Nachdruck zu verleihen. Handy also. Die Hoffnung bleibt allerdings still. Anstatt sich dem Frieden der Situation zu fügen, geht sie ohne einmal aufgeschaut zu haben wieder raus. Und zack, die Hoffnung stirbt. Es entbrennt sofort die Diskussion um die Jugend und ihre Handysucht.
Plötzlich kommt wieder die Zappelphilipp-Cousine an den Tisch gestürmt. Nachdem sie „Tüüüüür!“ und „Hausschuhe!“ mit einem genervten Stöhnen und Augendrehen abwendet, rennt sie zu mir und fragt wieder, ob sie mit meinem Handy spielen darf. Ich suche panisch eine neue Ausrede. Ich greife mir an die Stirn, hinter der sich Kopfschmerz breit macht. Seitdem sie in die Schule geht und die Uhr lesen kann, kann ich sie leider nicht mehr auf „in fünf Minuten komm ich zu dir, versprochen!“ vertrösten, die Ausmaße von einer Stunde annehmen könnten.
Also versuche ich sie zu überzeugen, dass mein Akku leer wäre. Fast habe ich sie dazu überredet lieber ein Spiel zu spielen, da singen die SpiceGirls auf meinem Handy los und meine Hausverwaltung ruft an. Naja, pädagogische Authentizität hab ich ja schon mal nicht. Wir beide merken, dass wir ein mittelgroßes Problem miteinander haben. Gut, also wohl doch das Spiel. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass dieses ein noch viel größeres Problem für mich werden würde: Die Bedienung ihrer Spielekonsole. Mühevoll versuche ich sie noch zu einem herkömmlichen Spiel zu überreden. Der Spruch mit den viereckigen Augen zieht immer noch nicht. Auch die Begründung, dass ich in ihrem Alter Brettspiele gespielt habe, lässt mich nur mit einem „Na, du bist ja auch schon alt.“ verstummen. Erst als sie selbst einsieht, dass ich wohl wirklich nicht fähig bin das Gerät zu steuern, hat sie Einsehen.
So bauen wir „Mensch ärgere dich nicht!“ auf und spielen es tatsächlich durch. Da es ihr Geburtstag ist, frage ich sie nach ihren Geschenken. Sie sagt, sie habe von allen Verwandten Geld bekommen, was sie sparen will. Ich freue mich innerlich fast, dass sie scheinbar doch in diesem Punkt eine gute Erziehung genossen hat und so verantwortungsbewusst ist. Ich bin begeistert und erinnere mich sofort daran, als ich neun war und gespart habe. Ich wollte ein riesiges Lego-Piratenschiff. Das, was 250 Einzelteile hatte! Das, was einen Anker hatte! Das, was sogar einen schaukelnden Masten hatte! Und das, was scheinbar heutzutage nicht mehr aktuell ist.

– „Ich will eine Tablet!“
Die Stimme meiner Neuzeit-Oma im Kopf sagt streng: „Na, wie heißt das? Ich möchte bitte und nicht ich will…“. Gefangen von dieser ausgesprochenen Selbstverständlichkeit des Wunsches einer Neunjährigen, sitze ich einfach sprachlos da. „Was‘n, kennste woh ne, hä?“ – Ich weiß nicht, welche Emotion ich zulassen sollte. Zwischen Aufregen („Aber wofür brauchst du denn ein Tablet?“), minimaler Eifersucht („Aha.“), pädagogischem Zeigefinger („Aber nicht, dass du dann nur noch damit spielst…“) erinnere ich mich an die Zeit als das aktuelle Gesprächsthema unser Zappelphilipp war. Man müsse Ruhe auf sie abstrahlen, ihre Umgebung so gestalten, dass sie dadurch ausgeglichen wird, ein harmonisches Umfeld schaffen. Ja, Fernseher, Spielekonsole, Tablet lassen einen ausgewogener werden. Man lernt ja nie aus.

Während ich versuche, den Fakt, dass meine neunjährige Cousine auf ein Tablet spart, zu verarbeiten, gehe ich zurück zu den anderen Gästen. Dort – und ja, ich merke meine viereckigen Augen schon – spitzt sich die Diskussion gerade beim Thema „elektronische Medien im Kindesalter“ zu. Meine Studienwahl löst hier heute anscheinend unausgesprochene Konflikte aus. Um mich neben meinem Besserwisser-Opa wahrscheinlich mehr wichtig, als überzeugend und fachlich kompetent zu machen, bringe ich ein paar Studienergebnisse mit ein. „Aber im Fernsehen hab ich mal gesehen, dass…“ und alle Verwandten stimmen noch zu. Scheinbar war das eine große RTL-Doku letzten Monat.
Getroffen von der Tatsache, dass ich wohl lieber öfter Fernsehen schauen sollte, statt zu studieren, gehe ich schweigend wieder. Vielleicht lässt sich in der Küche Tante und Oma helfen. „Kann man euch irgendwie…“
– „PSSSSCCCHT!!“
„…begrüße ich Sie zu „Kochen leicht gemacht“. Heute kochen wir zusammen eine deftige Soljanka. Dazu brauchen wir…“
Scheinbar hilft das youtube-Video gerade mehr, als es die vielen Kochstunden bei meiner Neuzeit-Oma jemals taten. Die ist gerade dabei das neue Grillthermometer auszupacken. Es soll angeblich die Temperatur auf das Handy übertragen, wo man einstellen kann, wie man das Fleisch gebraten haben möchte. Als wir das Grillthermometer dann draußen in das Fleisch stecken, wendet sich endlich das Gespräch der Grill-App zu und es verspricht länger anzuhalten.

Wieder drinnen und alle vertieft in jegliche Möglichkeiten und Spielereien dieser App, kommt meine Zappelphilipp-Cousine angestürmt und da sie die Tochter ihres Soldaten-Vaters ist, schreit sie: „GRIIIIILL!!“. Soldaten-Onkel springt auf. Die Tür schlägt laut zu, Zappelphillip-Cousine: „PA PA, nicht so laut!“. Besserwisser-Opa springt auf, die Tür schlägt wieder zu, Zappelphillip-Cousine: „Orrrr!!“. Alle anderen rennen zum Fenster. Der Grill raucht stark, scheinbar die Funktion Nebelmaschine der App. Fehlt eigentlich nur noch Helene Fischer.
Die Steaks waren weder rare, noch medium, noch done, sondern eher schuhsohlenartig im feinen Stil ostdeutscher Mensen. Allerdings wurde das pseudo-fachmännisch mit dem Versagen der App in Verbindung gebracht. Besserwisser-Opa kann das jedenfalls erklären: „Früher war alles besser. Da hammer uns auch nur off unser Bauchgefühl verlassen und das ging oh.“

Vielleicht sollte ich mein Studium doch nochmal wechseln. Scheinbar bringt es nämlich weder mir noch meiner Umwelt was. Ich wage fast zu sagen es störe den Familienfrieden. Aber Medizin zum Beispiel! Da kann ich immerhin in der Gesprächsrunde über Krankheiten meiner Tante sagen, dass sie keinen Erysipel hat, sondern einen einfachen Kratzer. Oder Lehramt. Das spricht ja für sich selbst. Oder KFZ-Mechatronikerin, davon braucht es eh mehr Frauen und da kann ich wenigstens mein Können unter Beweis stellen. Und so verliere ich mich in Bildern, die mich in weißen Kittel, Blaumann oder als verzweifelte Lehrerin vor kleinen Grundschülern zeigen.

Es ist eben Samstag. Im November.

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