Bilderbuch statt Roman?

Titel

Emoticons, Smileys, Emojis – die kleinen bunten Bildchen haben ihren Weg in unseren Alltag gefunden. Durch sie müssen wir unsere kommunikativen Fähigkeiten erweitern. Aber ist jeder dazu in der Lage? Und auf was müssen wir uns einstellen? Sind sie Spracherweiterung oder doch Verständigungshindernis?

von Deborah Kunze

„Was, du hast kein WhatsApp?!“ „Du nutzt Facebook nicht?!“ „Kein Skype? Wie soll ich dich dann erreichen?!“ Solche Informationen reichen oft schon aus, um das Gegenüber sofort als alternativ, altmodisch oder sogar zurückgeblieben einzuordnen. Mobile Nachrichten-Messenger wie WhatsApp, Facebook oder Skype sind nun bereits seit Jahren ein etablierter Kommunikationskanal für eine Vielzahl von Menschen. Mit der Verbreitung von Smartphones und der Möglichkeit ständig und überall online zu sein, haben wir diese Art der Kommunikation in unseren Alltag integriert. Doch nun stellt sich die Frage: Wird die Art und Weise unserer Kommunikation dadurch so verändert, dass wir uns bald nicht mehr verstehen können?

Eine neue Art der Verständigung – Kommunikation über Emoticons und Smileys

Wodurch zeichnet sich die Kommunikation über WhatsApp, Facebook, Skype und Co eigentlich aus? Abkürzungen, Auslassungen und Kleinschreibung bestimmen die Chatnachrichten – aber vor allem sehen wir immer wieder diese kleinen Bildchen und Zeichenkombinationen, sogenannte Emoticons, Smileys und Emojis (Definitionen dazu am Artikelende). Doch warum?

Sabrina Eimler, Professorin an der Hochschule Ruhr West, beschäftigt sich mit dem Forschungsgebiet der computervermittelten Kommunikation. Sie meint, man könne „Smileys und Emoticons als eine kreative Anpassung der Menschen an moderne Medien“ bezeichnen. „Die Existenz und häufige Verwendung dieser Zeichen deutet auf ihre besondere kommunikative Bedeutung hin.“ Über Emoticons und Smileys versuchen wir Emotionen auszudrücken, welche sonst in face-to-face-Interaktionen selbstverständlicher Teil der Kommunikation sind: „Smileys und Emoticons können als virtuelles Pendant unserer nonverbalen Kommunikation verstanden werden.“ Letztendlich ist das Ziel wieder das eine: Effektivität und Schnelligkeit. Und Emoticons oder Smileys, die die fehlende Gestik und Mimik ersetzen, sind schließlich sehr effektiv – und machen glücklich! Australische Wissenschaftler haben festgestellt, dass Emoticons und Smileys tatsächlich eine gleichberechtigte Stellung neben dem Erleben von „echten Emotionen“ einnehmen.

Hinzu kommt, dass sich durch diese besonderen Zeichen auch Missverständnisse vermeiden lassen, indem wir beispielsweise Ironie durch eine einfache Zeichenfolge kennzeichnen ;-) Wenn sich allerdings die Aussage des Textes und die Emotion des Emoticons oder Smileys für den Rezipienten widersprüchlich anfühlen, dann können durch Smiley-Kommunikationen die Missverständnisse auch erst herbeigeführt werden.

Emojis – ein Fortschritt?

Mittlerweile ist die Online-Kommunikation über Emoticons und Smileys ergänzt worden: durch Emojis. Die unzähligen Bilder von Menschen, Tieren, Pflanzen und Gegenständen sind bisher noch kaum erforscht. Doch es stellt sich die Frage, was der Zweck der Nutzung von Emojis ist. „Aus meiner persönlichen Erfahrung würde ich sagen, dass sie genutzt werden können, um Worte zu ersetzen“, meint Sabrina Eimler. So wird die Aussage „Tut mir Leid! Ich habe gerade den Bus verpasst, obwohl ich mich beeilt habe…“ ganz schnell zu:

Beispiel1

Auch Emojis können der Übermittlung von Emotionen dienen – und haben dabei einen großen Vorteil: Variabilität. „Hier und da kann man sich zum Ausdruck von Freude nun auch eines breiteren Spektrums an Zeichen bedienen – etwa Daumen hoch, Sterne, Rakete oder das Konfetti-Symbol verwenden“, sagt Sabrina Eimler. „Was Worte nur schwer ausdrücken können, wird hier in Zeichen ausgedrückt – man spart sich unter Umstände ellenlange Texte.“ Schnelligkeit und Bequemlichkeit sind dabei von großer Bedeutung. Wir müssen uns nicht mehr die Mühe machen, den Text abzutippen, grammatikalisch abzustimmen und auf Tippfehler zu untersuchen, sondern wählen ein Bild – und können die Nachricht senden.

Kein regelloses Durcheinander

Findet die Kommunikation über Smileys, Emoticons und Emojis willkürlich, ohne Ordnung und Regeln statt, oder gibt es ein System dahinter?

Jeder besitzt seinen eigenen Stil – so bilden sich Gruppen und Partnerschaften mit bestimmten Vorlieben und eigenen Codes. Sabrina Eimler spricht von „‘individuelle[n] Codes‘ zwischen Personen, die vor allem durch die Kenntnis über die Lebensumstände oder die Gewohnheiten von Personen interpretierbar sind.“ Wir passen uns unserem Schreibpartner an, schreiben auf eine bestimmte Art, um sympathischer zu wirken.

Die besondere Herausforderung besteht nun darin, zwischen den verschiedenen Schreibweisen zu wechseln – und das gelingt den geübten Messenger-Nutzern problemlos. Dahinter verbirgt sich eine enorme sprachliche, wie auch soziale Kompetenz. Je besser wir also unseren Kommunikationspartner kennen, desto sicherer können wir Emoticons, Smileys und Emojis nutzen, denn die Wahrscheinlichkeit, dass eine übereinstimmende Interpretation stattfindet, steigt.

Generation Gap – ein wirkliches Problem?

Nun kommuniziert also der größte Teil der jüngeren Generation täglich, selbstverständlich und meist ohne Probleme über mobile Messenger. Viele ältere Menschen verstehen jedoch die Nachrichten nicht, die für die Jüngeren alltägliche Kommunikation bedeuten. Worin könnten die Ursachen für diese Generation Gap liegen? „Hierüber kann ich nur spekulieren“, meint Sabrina Eimler, “aber sicherlich liegt es unter anderem daran, dass wir uns Medien als Menschen aneignen müssen, diese also erlernen müssen. Viele ältere Menschen beschäftigen sich nicht mit neueren Kommunikationsmitteln und Kommunikationsformen, können entsprechend Smileys (falls diese als Zeichenkette und nicht als grafisches Symbol angezeigt werden) nicht interpretieren.“ Eimler vergleicht diese Situation mit Worten der Jugendsprache, die oft schon von gerade noch jugendlich gewesenen Menschen bereits nicht mehr verstanden werden. „Mit diesen Kommunikationsformen entstehen bestimmte Regeln, die von den Teilnehmenden an diesen Kanälen entsprechend erlernt (und auch mitgestaltet) werden müssen. Eigentlich ist dies nicht unbedingt ein Generation Gap, sondern eine Kluft, die zwischen Nutzenden und Nicht-Nutzenden egal welchen Alters entsteht.“

In ihrer Show zeigt die amerikanische Moderatorin Ellen DeGeneres anschaulich, dass es durchaus unterschiedliche Interpretationen von Emojis gibt:

Es ist also auch für ältere Menschen möglich, die Nutzung von diesen Zeichen zu erlernen. Oder wird es sogar zum Zwang, damit umgehen zu können? „Einen gesellschaftlichen Zwang halte ich bei der Schnelllebigkeit der technischen Entwicklung und der damit einhergehenden kommunikativen Einflüsse und Veränderungen für unwahrscheinlich. Vielleicht wird es Smileys, Emoticons oder Emojis in 10 Jahren gar nicht mehr geben.“

Inzwischen sind Emoticons, Smileys und Emojis Bestandteil des Unicode, einem internationalen Standard für die Kodierung von Zeichen. Der Twitter-Account @emojibama übersetzt Reden des amerikanischen Präsidenten und politische Nachrichten in Emojis. Einige Wissenschaftler gehen sogar so weit, die Kommunikation über Emoticons, Smileys und Emojis als neue „Weltsprache“ zu bezeichnen.

Auch wenn nicht jeder jede dieser zeichenreichen Nachrichten richtig interpretieren kann – Emoticons, Smileys und Emojis haben den Weg in unsere alltägliche Kommunikation gefunden. Sie tragen positiv zur Internationalisierung von Sprache bei und unterstützen den Menschen negativ dabei, sich hinter einer Maske zu verstecken. Zuletzt bleibt die Frage, was die Zukunft bringen wird. Sabrina Eimler meint dazu: Bislang sind die Zeichen […] vor allem statischer Natur, ein nächster technischer Schritt wird sicherlich die Animation dieser Zeichen sein. Vorstellbar wäre, dass jeder Mensch seine individuellen Smileys hat, die auf den eigenen Gesichtsausdrücken basieren.“

Wir werden sehen, ob wir uns von den Lesern eines 2000 Seiten dicken Romans, zurück zu den Lesern eines kleinen, bunten Bilderbuches entwickeln werden.


Emoticons, Smileys, Emojis

Emoticons

EMOTICON
Diese Zeichenfolge wurde 1982 von Scott Fahlmann erschaffen, der damit Missverständnisse in Deutungen von Foren-Nachrichten vermeiden wollte. Das Wort setzt sich zusammen aus den Begriffen Emotion und Icon.

 

 

SmileysSMILEY
Ein Smiley ist eine grafische Darstellung, die zudem meist bunt (gelb) ist und eine runde Form besitzt. Deswegen fallen Smileys leichter auf, sehen dem Menschen ähnlicher und haben so einen größeren Einfluss auf die Stimmung (und Stimmungsswahrnehmung). (Studie von Sabrina Eimler: Same Same But Different!? The Differential Influence of Smilies and Emoticons on Person Perception)

 

EmojisEMOJI
Auch Emojis sind Grafiken, erfassen dabei aber mehr, als bloße Gesichtsausdrücke und Emotionen (Tiere, Pflanzen, Gegenstände, Essen, …). Der Begriff stammt aus dem Japanischen und bedeutet „Bildschriftzeichen“.

 

 


EimlerSabrina Eimler

Sabrina Eimler ist Professorin für Human Factors und Gender an der Hochschule Ruhr West. Sie beschäftigt sich unter anderem mit der Wirkung von Smileys und Emoticons, mit Selbstdarstellungen in Business Netzwerken und mit computervermittelter Kommunikation.

 

 

 


Mehr Info’s zum Thema:
Vortrag von Kate Miltner auf der re:publica 2014
Artikel über die meistgenutzen Emojis weltweit (faz.net)
Artikel “Emoji – Entstehung einer neuen Sprache ohne Worte?
(Foto: Wicker Paradise, Flickr)

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Emoji – Entstehung einer neuen Sprache ohne Worte? | Medienpraxis @ Kooperative Berlin

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>