#wunder? Soziale Medien als fünfte Gewalt

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Plötzlich soll sie da gewesen sein: Eine fünfte Gewalt im digitalen Zeitalter. In seinem Artikel bei Cicero-Online wundert sich Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen über diese und deren Erscheinungsbild. Aber sollte man seiner Darstellung wirklich Gehör schenken?

Ein Kommentar.

 

“Heute, ein paar Medienrevolutionen später, wird deutlich, dass tatsächlich eine neue Macht- und Einflusssphäre entstanden ist, eine fünfte Gewalt […].” (Bernhard Pörksen)

Und sie besitzt Konfliktpotenzial. Vor allem zu den traditionellen Gewalten Exekutive, Judikative, Legislative und den Medien. Beschrieben wird die fünfte Gewalt als ein radikal pluralistisches Konnektiv, das den digitalen Weg nutzt, um den Themen, die es bewegen, öffentlich Anstoß zu geben. In Wellen von Empörung, Protest, aber auch Zustimmung und Anteilnahme tritt diese Gemeinschaft auf. Ihre Plattformen und Instrumente seien dabei die sozialen Netzwerke, Blogs und eben alles Pseudo-Mediale, was in den letzten Jahren so boomt. Aber bringen nicht die technischen Innovationen eine neue Möglichkeit der Partizipation mit sich? Diese neue Partizipation ermöglicht es jedem, egal von welchem Ort, Stellung zu beziehen. Immer wieder wurden Politikverdrossenheit und träge Partizipation in Deutschland bemängelt. Doch seit einigen Jahren bieten uns technische Innovationen neue Möglichkeiten des Austauschs, ja sogar um direkt Einfluss zu üben. Die Interessen potenzieller Teilnehmer an politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen können mit denen der gewählten Machtträgern also heute wieder zusammenrücken. So würde sich Responsivität als ein ständig währender Anspruch an Entscheidungsträger entwickeln, der eben nicht nur zu Wahlkampzeiten besteht. Das macht schließlich eine funktionierende Demokratie aus, oder?

Wir ordnen uns im Internet gleichermaßen, wie zum Beispiel bei einer Parlamentswahl, nach Präferenzen einer Meinungsgemeinschaft zu. Die Besonderheit ergibt sich nach Pörksen daher, dass wir dennoch unsere Individualität wahren können. Fraglich bleibt aber, ob unsere Einzigartigkeit besser bewahrt wird als früher. Heute zeigen wir Individualität anhand der Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken oder Blogs. Wir schaffen uns also quasi das andere Selbst in der “Masse der Vielen” im Internet. Eben dort bündeln sich aber auch gemeinsame Interessen und üben Macht aus, ja nehmen auch Einfluss auf die analoge Lebenswelt.

Überraschung? Keine Überraschung.

Im Übrigen sollten uns ‚Shitstorms‘ und alle anderen Formen von Hypes wenig überraschen. Die neusten Entwicklungen setzen auf genau diese Art der Kommunikation. Erst extreme, tendenziöse Aussagen oder Ereignisse wecken die Aufmerksamkeit der fünften Gewalt. In einer globalisierten Welt durchdringen diese Innovationen die Gesellschaft immer zügiger und etablieren sich dank ihres offensichtlichen Nutzens übergreifend. Benebelt von den rasanten Entwicklungen der letzten Jahre geben sich hierbei Naivität und Manipulation in der Gesellschaft die Hand. Aber Fehler passieren nun mal im täglichen Gefecht um Aktualität. Das führt aber auch dazu, dass die „Vielen“, wie sie Pörksen nennt, wieder mitdenken, ja zunehmend kritischer werden. Und mit Andersdenkenden kann man diskutieren. Das bringt uns gesellschaftlich voran. Oder bringt es vielleicht nur dem Einzelnen etwas?

Eine neue Möglichkeit, ja.

Diese Gemeinschaft aber als fünfte Gewalt zu bezeichnen, würde ihr mehr Ehrfurcht verleihen als sie tatsächlich verdient. Gruppen, die früher auf der Straße in Erscheinung traten, werden heute im Internet aktiv. Das Phänomen ist schlicht und einfach an eine Stelle abgewandert, an der es möglich ist, mehr Leute zu erreichen. Doch von der zahlenmäßigen Macht kann nicht auf ihre Qualität geschlossen werden. Nicht immer setzen sich in diesem Pool die besten Ideen und Lösungen durch. Oft sind diese Massen besonders empfänglich für überspitzte Ansätze, die die derzeitigen Bedürfnisse berücksichtigen. Nachhaltigkeit und das Gemeinwohl geraten dort schnell ins Hintertreffen. An dieser Stelle kann man dankbar für die Anderen sein, die traditionell die Entscheidungen treffen. Auch wenn diese keineswegs immer fehlerfrei sind.

Der Artikel nimmt Stellung zu dem vom Cicero am 14.04.2015 online veröffentlichten Artikel „Die fünfte Gewalt des digitalen Zeitalters„ von Bernhard Pörksen. Pörksen ist Professor der Medienwisschenschaften an der Universität Tübingen.

von Rosalie Stephan

(Foto: Ognian Mladenoy, Flickr)

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