Zeitreise Rundfunk: Irgendwie, irgendwo, irgendwann?

WOW

Damals revolutionär, heute altbacken. Gerade junge Zuschauer kehren den öffentlich-rechtlichen Programmen den Rücken. Aber Oma schaut seit fünfzig Jahren. War das schon immer so? Drei Zeitzeugenberichte einer Familie zur Wahrnehmung und Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Wandel der Zeit. 

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1952

Lisbeth Kummer, geboren im Jahr 1934, vier Kinder, flüchtete im Zweiten Welktkrieg aus dem ehemaligen Schlesien nach Kiel. Hat bis zu ihrer Rente zeitweise in einem Genüseladen in Kiel gearbeitet, hauptberuflich jedoch Hausfrau. Schaut früher wie heute leidenschaftlich gerne Fernsehen und hört beim Bekochen ihrer Enkelkinder auch ab und an Radio.

Völlig aus dem Häuschen ist überhaupt kein Ausdruck, so aufgeregt wie wir an Weihnachten 1952 waren. Keinen blassen Schimmer hatten wir, wie Fernsehen aussehen soll oder wird. Stolz waren wir allemal, dass mein Vater einen der nur viertausend verfügbaren Fernsehergeräte in der Bundesrepublik für tausend Mark ergattern konnte. Und da saßen wir also, zusammen mit zwei Nachbarsfamilien in unserer Wohnstube und konnten am ersten Weihnachtsfeiertag auf 22 mal 22 Zentimetern Schwarz-Weiß-Bild eine Geschichte zur Entstehung des Weihnachtslieds „Stille Nacht, heilige Nacht“ bewundern. Wie genau es zu der Entstehung eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks kam, war mir mit unbeholfenen 18 Jahren noch relativ egal. Die Faszination und die für mich zumindest vorhandene Unerklärlichkeit dieser technischen Neuerung genoss ich ohne jeden Hintergedanken an Organisationsform und Entstehungsgeschichte. Erst viele Jahre später habe ich realisiert, dass wir in der britischen Besatzungszone mit dem Nordwestdeutschen Rundfunk die ersten Deutschen waren, die öffentliches Fernsehprogramm empfangen konnten – meine damals in Bayern wohnende Cousine ärgert sich heute noch wenn sie zurückdenkt. Am zweiten Weihnachtsfeiertag saßen wir als Familie wieder zusammen und hörten zu wie Cay Dietrich Voss für 20 D-Mark pro Sendung in der ersten Tagesschau von der Rückkehr des US-Präsidenten Eisenhower aus Korea und über das Fußballspiel Deutschland gegen Jugoslawien sprach. 20 Mark! Das muss man sich mal vorstellen! Bei den heutigen Verhältnissen ist das ja gar nichts mehr, damals aber sehr gut verdientes Geld. Achja, am Anfang lief die Tagesschau nur drei Mal pro Woche und da hat das auch völlig gereicht. Rundum Luxus heutzutage mit der täglichen Ausstrahlung. Und von morgens bis abends schauen war am Anfang auch nicht drin, da gabs die Probleme mit erlaubter Fernseherzeit für die Kinder noch nicht. Erst am Nachmittag gings los und auch nicht bis tief in die Nacht – eigentlich ja auch gesünder. Wenn ich jetzt manchmal den Fernseher oder das Radio einschalte weiß ich gar nicht mehr was ich schauen soll. Als mein Sohn Markus mir dann noch so ein neumodisches, flacheres Gerät gekauft hat, wurde das noch schlimmer. So viele Programme machen das für mich nur unübersichtlich. Sendungen, die schon im Radio liefen, wurden früher eben einfach ins Fernsehen übertragen. “1:0 für Sie” mit Frank Ehrenfeld haben wir richtig gerne mit der Familie geguckt, der sah ziemlich schnuckelig aus mit seinem karierten Jackett. Damals hatten wir, wenn ich mir meine Enkel und Kinder anschaue, ganz einfach nicht die Zeit so viel Fernsehen zu schauen: Immer gab es was zu tun im Haus, bei den Großeltern oder im Garten. War ja alles zermbombt und die wenigen Fernseherabende mit der Familie waren da eine willkommene Ablenkung. Vielleicht gibt es auch deshalb viel zu viele Sender heutzutage – die Leute haben einfach zu viel Freizeit.

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                               2016

Sybille Kummer, 1961 in Kiel geboren und aufgewachsen, lebt heute mit ihrer Familie in Hamburg. Durch ihren Beruf als Erzieherin in einer Kita hat sie intensiven Kontakt mit Medien und Medienkonsum und berichtet über ihre Erfahrungen auf einem Online-Blog für junge Eltern.

Fernsehen war für uns früher immer etwas sehr besonderes. Nicht jeder hatte ein solches Gerät, man traf sich mit den Nachbarn zum gemeinsamen Fernsehabend.
Das ist heute ganz anders, habe ich oft das Gefühl. Die Flimmerkiste ist eine Instanz der Freizeitunterhaltung geworden, regelrecht ein Hobby, in das man viel Zeit investieren muss.
Gerade habe ich irgendwo aufgeschnappt, dass der Durchschnittsdeutsche weit über drei Stunden am Tag in die Glotze schaut. Und es beginnt ja schon im Kindesalter, Die Kleinsten bekommen eigene, für sie entwickelte Kinderprogramme, aber im Endeffekt sind sie auch nur Quote und nicht die zarten, formbaren Seelen, die ich jeden Tag weinend auf dem Spielplatz erlebe.
Meine Mutter erzählte mir einst, wie Cay Dietrich Voss zu ihr aus einem unerklärlichen Viereck sprach, als die erste Tagesschau ausgestrahlt wurde. Ein echtes Gefühl der Magie für sie als junges Mädchen, das betont sie bis heute.
Hier hat sich einiges gewandelt, wenn ich meine drei kleinen Monster so beobachte. die Kinder heute wachen durch den Wecker auf ihrem Smartphone auf, um erst einmal soziale Netzwerke zu durchforsten, beim Frühstück laufen Fernseher und Radio gleichzeitig, während der Vater übers Ipad die Online-Nachrichten liest. Auf dem Weg zur Schule oder Kita wird wieder das Smartphone gezückt und in der Schule lernt und arbeitet man an Beamern und Laptops. Die Hausaufgaben werden natürlich auch am PC erledigt und man belohnt sich mit einer Auszeit an der Konsole. Abends schaut die Familie gemeinsam einen Krimi, alle Familienmitglieder sind versammelt und ich fürchte, zu diesen muss man heutzutage auch den Fernseher zählen.
Die Erwachsenen von Morgen konsumieren also aktiv oder passiv tagtäglich viele Stunden Inhalte, die von Fremden bereitgestellt werden.
In dieser Flut an Bildschirm und Inhalten, die kein Elternteil mehr überblicken kann und erst recht kein Minderjähriger in seiner Gänze nachvollziehen könnte, braucht es verlässliche, zuverlässige Partner auf Seiten der Medien. Die öffentlich-Rechtlichen beanspruchen genau diese Rolle für sich, sie wollen der Fels der Intellektualität in der Brandung des Kommerz sein, scheinen dabei aber allzu oft mit unterzugehen. Für meinen Teil fühlt es sich so an, als würden gerade die beiden großen TV-Anstalten der Öffentlich-Rechtlichen einen Spagat zwischen Tradition und Entwicklung versuchen und sich dabei ziemlich zerren. Logisch ist, dass auch der öffentliche Rundfunk sich weiterentwickeln muss, aber nicht um konkurrenzfähig zu sein, sondern um auf die neu entstehenden Bedürfnisse der Bevölkerung gerecht und besonnen reagieren zu können. Ich als Steuerzahlerin, Mutter und Erzieherin finde, dass wir Wettbewerbsgeplänkel auf unsere Kosten nicht zulassen dürfen. Schon gar nicht, wenn das Ergbnis ein lauwarmer Abklatsch des eh schon ungenießbaren Originals ist. Was für uns damals ein Harald Schmidt war, eine wahrer Satiriker mit kesser Zunge, das soll heute Jan Böhmermann sein? Ein postpubertärerer Wichtigtuer, der penetrante Inhaltslosigkeit als politisches Statement verkaufen möchte. mit Hashtags wie #Latzhosenintoleranz(?!) oder makaberen Wortschöpfungen wie “postfaktisch”, die er in seiner Abendssendung sehr bildhaft darstellt (https://twitter.com/neomagazin/status/780348210648719360, aber ohne Nachwuchs anschauen!!).
Ich finde, Jan Böhmermann versinnbildlicht momentan einiges, was bei den Öffentlich-Rechtlichen schiefläuft. Unter anderem besagte vulgäre Inhaltslosigkeit, die man sonst von RTL gewohnt ist, aber auch der krampfhafte Versuch etwas Bewährtes neu zu kreiiren und dabei einfach bei erfolgreichen Programmen abzukupfern, wie bei den beiden jungen Männern von Pro7. Meine Tochter schwärmt oft von diesem Klaas.
Steht es schon so schlecht um unsere wichtigsten Medienunternehmen, dass sie Publicity generieren müssen, in dem wir Staatschefs öffentlich beleidigen? Nicht auf politischer Ebene, sondern ganz privat und unverschleiert?
Und diesen Kampf dann über Wochen die Medien bestimmen lassen, bis es zum Staatseklat expandiert?
Unsere Familie, oder viel eher jede Familie zahlt monatlich 17,50 Euro Rundfunkbeitrag. Unabhängig davon, ob man ein TV-Gerät besitzt oder nicht. Ob man eine Tageszeitung abonniert hat oder nicht. Dabei sparen die Ö-R. sogar eine Menge Geld ein, indem sie ihre Inhalte online zur Verfügung stellen (bestenfalls noch mit Zusatzgebühr a la Bild+).
Druck-, Transport- und Lieferkosten fallen zu Millionen weg und dieses Geld könnte an anderer Stelle sinnvoll verwendet werden.
Die öffentich-Rechtlichen haben einen enormen Vorteil gegenüber den anderen Mitwirkendenen in der deutschen Medienlandschaft. Sie haben sich über 50 Jahre Vertrauen aufgebaut, durch solide und qualitativ zuverlässige Arbeit. Ein Umbruch wie diesen gab es historisch noch nie und ich bin gerne gewillt einen Vetrauensvorschuss zu gewähren, wenn man sich der alten Tugenden besinnt.
Diese sind ebenso einfach, wie eindrücklich.
Fokussiert euch auf Informationen, wie die Tageschschau oder das Heute-Journal, haltet Dauerbrenner wie den Tatort, Fussball oder Polit-Talks in Ehren. Stellt Leute fest ein und lasst Redaktionsteams wachsen anstatt immer mehr freie Mitarbeiter zu beschäftigen (Identifikation mit seinem Produkt macht dieses automatisch besser). Bleibt regional, ohne zu detailliert zu berichten. Und durch den stetigen Abbau der Printmedien bietet sich auch die Chance den momentan sehr fragwürdigen Online-Journalismus aufzupolieren. Zeigt Deutschland, dass ihr Ideen habt. Journalismus dreht sich nicht nur um Aktualität, wenn dabei jede zweite Information falsch ist. Negativbeispiel wäre hier der Live-Ticker von Spiegel-Online.
Macht wieder kluge Satire im Fernsehen, wie es beim Deutschlandradio regelmäßig der Fall ist. Am Ende sollt ihr kein Abklatsch der Privaten werden, ihr habt das Potential die Inseln der Seriösität im Meer des Reality-TV zu sein. Die Konstante in der sich stetig wandelnden Welt der Medien. Ein letzte Metapher, ihr müsst die Eltern sein, die ihre Sprösslinge wie RTL oder Sat1 beobachten, ihre Fehler erkennen und sie überwachen. Aber nicht in einen Wettstreit mit ihnen geraten, ein Kräftemessen hilft keinem weiter. Zeigt Autorität und frischen Erfindergeist, steht hinter Deutschland, wie Deutschland seit 50 Jahren hinter euch steht.
Wir wollen Bildungsfernsehen, statt bildungsfern sehen.

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2066

Tom Netzer wurde 1993 Hamburg geboren und wuchs dort auf. Nach der Schule studierte er „Medienforschung – Medienpraxis“ in Dresden (Studiengang heißt mittlerweile „Internet Science“) und anschließend „Sportjournalismus“ an der Sporthochschule Köln. Während seiner Studienzeit absolvierte er zahlreiche Praktika im Fernseh-Bereich, bis es ihn schließlich zum WDR verschlug, wo er blieb und 2055 zum Intendanten gewählt wurde.

“Will you still NEED me, will you still FEED me, when I´m sixty four?” The Beatles

Noch immer höre ich dieses Lied gerne. Es schallt gerade von meinem mittlerweile knapp 100 Jahre alten Plattenspieler, den meine Ur-Oma mir hinterlassen hat. Die Tonqualität ist für heutige Verhältnisse zwar extrem bescheiden, aber man muss seine alten Schätze ja hüten. Nicht viele Relikte aus alter Zeit haben die Entwicklung der Medien seit Geburt dieses Plattenspielers überlebt. Vieles ist überholt. Unbrauchbar. Wird nicht repariert. Wenn ich an meine Zeit zurück denke, als ich 2016 in Dresden irgendwas mit Medien studiert habe, fällt mir komischerweise oft Riepls Gesetz ein: Medien, die „eingebürgert und für brauchbar befunden“ sind, werden nie mehr vollständig verdrängt. Das wurde Jahr 1913 behauptet. Heute schreiben wir das Jahr 2066. Und alle, die Riepls Stuss damals einfach geglaubt haben, sind heute eines Besseren belehrt, wenn sie noch atmen können und sich die heutige Medienlandschaft anschauen. Wo sind denn die Zeitungen, das frisch bedruckte Papier am Morgen, wenn man zum Kiosk geht (und wo sind überhaupt diese Kioske)? Wo ist das Radio und wo sein Verkehrsfunk, wenn ich mal wieder im Stau stehe? Wo sind all die Fernseher, die uns irgendwelches Zeug auf einem Bildschirm zeigen, scheinbar völlig unstrukturiert zusammen gestellt von Sendern, die eigentlich zusammenarbeiten? Einfach mal die Glotze einschalten und sich beschallen lassen, egal welches Profil deine individuellen Algorithmen von dir erstellt haben. Und dann war da ja noch der öffentlich-rechtliche Rundfunk – das waren Zeiten! Ein von der Gesellschaft finanzierter, staatsferner Programmauftrag, der einen Beitrag zur individuellen und öffentlichen Meinungsbildung leisten sollte.
Voll die gute Idee eigentlich. Aber mit dem Niedergang der Zeitungen brach das Kartenhaus zusammen. Keiner wollte mehr Journalist werden, weil die Zeitungen alle ins Internet verlagert wurden. Die Online-Finanzierung hat nicht gegriffen, Journalisten hatten keine Grundlage, sich zu finanzieren und machten lieber was lukrativeres. Das Interesse an Informationen ist heutzutage natürlich noch das gleiche wie vor 50 Jahren, aber der Qualitäts-Journalismus ist tot. Heute muss man sich überlegen was man glaubt und was nicht, weil niemand mehr geprüfte Informationen heraus gibt. Das Radio hatte schon Mitte der Dreißiger ausgesorgt, weil kein Mensch mehr zufällige Musik und Werbung hören wollte. Verständlich, wie ich finde. Und zu guter Letzt brach das Fernsehen ein. Viel zu umständlich zu bedienen und ja doch arg begrenzt in seinen Möglichkeiten. Es wurden einfach keine Fernseher mehr gekauft, die Einschaltquoten gingen dementsprechend zurück. Schnell stiegen die privaten Sender aus und überließen den öffentlich-rechtlichen Sendern das Feld, die etwa 5 Jahre Todeskampf erleiden mussten, bis sie sich schließlich eingestanden, dass die Nutzerzahl den Ansprüchen nicht mehr genügt und das eigene Angebot nicht mehr als „öffentlich“ zu betrachten sei. Die Hersteller mussten ihre Fernseher fast für umme verkaufen und taten dies logischerweise irgendwann nicht mehr. Das war vor 15 Jahren. All die Inhalte, die von damals noch drei Medien zusammen getragen wurden (Zeitung, Radio, Fernsehen), sind heute vereint im Internet zu finden. Riepl hat sich also geirrt. Die Medien mussten gar nicht verdrängt werden. Sie wurden vom Internet aufgefressen.
99% der Menschen dieses Planeten haben mittlerweile Internet-Anschluss. Das Internet vergisst nicht. Niemals. Täglich bekomme ich meinen eigenen Speiseplan an Serien, Informationen, Kultur und Musik zusammen gestellt. Individuell auf mich zugeschnitten. Ich befinde mich in meiner eigenen Seifenblase, von morgens bis abends. Aber was ich wirklich glauben kann, das weiß ich nicht mehr so richtig. Die Welt ist durch das Internet so viel kleiner, aber gleichzeitig auch so viel unübersichtlicher geworden. Die Öffentlich-Rechtlichen sind natürlich noch im Internet vertreten, aber hängen am Tropf. Denn viele Informationen und Inhalte sind heute nur noch über private Quellen verfügbar, die ihre Informationen an die meistbietenden Kunden verkaufen. Die Finanzkraft der Öffentlich-Rechtlichen ist aber stark eingeschränkt. Sie werden schon lange nicht mehr von den Rundfunkbeiträgen finanziert, weil die Legitimation gefehlt hat. Wenn jeder im Internet Inhalte und Programme zur Verfügung stellen kann, warum sollte die Gesellschaft dann für ein paar wenige Inhalte kollektiv zahlen, wenn diese noch nicht mal den Vorstellungen der Leute entsprechen? Ein Beispiel: Früher war das Format „Tagesschau“ der ARD sehr beliebt. Es gab einen Überblick über das Weltgeschehen in 15 Minuten. Ein nicht individualisierter Überblick über die „wichtigsten“ Sachen, die an einem Tag passiert sind? Wer sagt denn, was wie wichtig ist und was mich interessiert? Und wenn mich keine einzige Nachricht interessiert, wieso sollte ich mir gerade das im Internet anschauen, wo es doch viel detailliertere, auf mich zugeschnittene Inhalte gibt? Zudem haben einige mächtige Leute in der Informations-Branche kein Interesse daran, ihre Informationen an die öffentlich-rechtlichen zu verkaufen und diese somit zu legitimieren. Man will sie vom Markt, sie ausbluten lassen. Jeder kann heutzutage im Internet Informationen teilen oder erstellen, aber keiner hat eine Ahnung, was geglaubt werden kann. Die meisten Menschen glauben an das, woran der Großteil der Masse glaubt, und das ist sicherlich nicht der Inhalt, was die Öffentlich-Rechtlichen von sich geben. Da fehlt ganz einfach die Strahlkraft bei so vielen anderen Inhalten im Internet. Zu schlecht recherchierte Berichte, zu wenig ansprechende Gestaltung, weil zu wenig Geld, um sich mit den Privaten messen zu können. Es wird nicht mehr lange dauern und die sie werden sich auch im Internet nicht mehr halten können. Die Menschen bezahlen einfach nicht gerne für etwas, für das sie sich nicht aktiv interessieren. Es scheint, als könne man mit individualisierter Unterhaltung und Information sehr viel mehr Kunden anlocken, die, anders als für die öffentlich-rechtlichen Angebote, auch gerne für ihre Angebote bezahlen. Es gab in den letzten paar Jahren schon öfter Überlegungen, die Öffentlich-Rechtlichen zu verstaatlichen und Steuern zur Finanzierung zu erheben. Das widerspräche aber dem eigentlichen Sinn von öffentlich-rechtlichen, staatsfern zu sein und unabhängig von einem Budgetbewilligungsrecht seitens des Bundestags-Parlaments zu agieren. Gerade hier in Deutschland ist die NS-Zeit noch immer nicht verwunden, die Angst vor staatlicher Kontrolle und Propaganda in und durch Medien ist noch immer vorhanden. Zudem würde es das Standing von öffentlich-rechtlichen nicht gerade verbessern, wenn deren Programme finanziert werden müssten, wo doch private Programme umsonst zur Verfügung gestellt werden und begehrter sind. Lange Rede, kurzer Sinn: Die öffentlich-rechtlichen Medien stehen vor dem Abgrund.
Das Lied der Beatles „When I´m Sixty-Four“ ist ein Liebeslied, in dem es darum geht, die Liebe auch noch bis ins späte Alter hinein zu pflegen und damit glücklich und zufrieden zu sein. Die Jüngeren unter euch wundern sich jetzt bestimmt, aber damals hatte man mit 64 schon fast das Ende seines Lebens erreicht und nicht erst die Hälfte. Nun ja, die Medizin hat sich schon wahnsinnig weit entwickelt. Die Öffentlich-Rechtlichen haben mir viel Freude bereitet, besonders die Fußballübertragungen auf dem Fernseher, der immer noch in meinem Wohnzimmerschrank steht und jetzt nur noch schwarz-weißes Flimmern hergibt. Noch immer denke ich nostalgisch an die wunderbaren Abende, die ich mit meinen Freunden vor dem Fernseher verbracht habe, um die FIFA WM zu schauen. Oder an die Abende als ich klein war und meine Eltern gesagt haben: „Viertel nach Acht ist die Tagesschau vorbei, dann geht es ab ins Bett für dich.“ Es ist eine alte Liebe, die manche in meinem Alter noch empfinden, wenn es um die Öffentlich-Rechtlichen geht. Eine romantische Idee, den privaten Sendern zu trotzen. Die Öffentlich-Rechtlichen bestanden aus mehreren Organen, von denen letztlich eins nach dem anderen funktionsunfähig wurde. Ich werde die öffentlich-rechtlichen wohl immer ein Stück weit in meinem Herzen tragen. Aber irgendwann ist es Zeit zu gehen. Scheint als wäre jene Zeit für die Öffentlich-Rechtlichen allmählich gekommen.
Ich, Intendant und Mitarbeiter über 30 Jahre im WDR, gebe hiermit meinen Rücktritt bekannt. Die Arbeit hat mir immer sehr viel Spaß gemacht, auch wenn in letzter Zeit die Rückschläge die Fortschritte in den Schatten gestellt haben. Auch ich konnte nicht zu einer Profilierung eines öffentlich-rechtlichen Programms im Internet beitragen und möchte nun den Platz für zeitgemäß denkende, frische Köpfe frei machen. Ich bedanke mich sehr herzlich bei allen, die mich auf meinem Weg begleitet haben. Noch immer stehe ich voll hinter dem Projekt „Öffentlich-Rechtlicher Rundfunk“. Es war mir eine Ehre, Teil dessen zu sein und hoffe, dass diese Liebe auch in anderen Herzen verankert ist. Nun werde ich mir noch einmal die Platte der Beatles anhören und meiner nichtsahnenden Frau von meinem Rücktritt erzählen. Ich hoffe, diese Liebe wird mich noch ein paar Jahre begleiten.

Bis dann, Tom Netzer

von Tim Skrezka, Justus Weber & Aaron Wörz

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