Raven im Wald – Wie die Dresdner Partykultur die Heide für sich nutzt

Die Dresdner Heide, mit 6133 Hektar einer der größten Stadtwälder Deutschlands, bietet  vielen Menschen ein Ressort für Erholung, Wanderungen, Spaziergänge, den schnellen Ausflug ins Grüne. Doch ihre Nähe zur Stadt, zu Partyregionen wie dem Industriegebiet oder der Neustadt bringt auch andere Gäste ins Spiel.

Insgesamt efreuen sich Open-Air Veranstaltungen in Deutschland großer Beliebtheit. Ob Kino, Festivals oder Konzerte, die frische Luft und der freie Himmel geben solchen Events ein besonderes Flair, ein Gefühl von Freiheit. Bei einer Anmeldung besteht rechtlich kein Problem. Für viele ist eine Anmeldung allerdings mit hohem Aufwand und hohen Kosten verbunden. Die Einfachheit, die Originalität und der Reiz zum Verbotenen rufen sogenannte Free-Teks auf den Plan, illegale Open-Air Partys. Was bringt die Menschen zu einer solchen Party, was macht sie besonders, welche Probleme und Gefahren rufen sie hervor und wie werden sie überhaupt organisiert? Wir haben mit Veranstaltern, Besuchern und dem Forstamt gesprochen.

Wir treffen uns mit Max, er ist Anfang 20 und Teil einer DJ-Crew, die bereits einige Partys in der Heide veranstaltet hat. Mit ihm rede ich über die Organisation, die Finanzierung, Einladungen, Umweltschutz und Erfahrungen mit Polizei und Forstamt. Solche Partys sind immer mit sehr viel Aufwand verbunden. Eine geeignete Lichtung muss gefunden werden, diese darf nicht zu nah am Wohngebiet liegen, muss aber dennoch zu Fuß gut erreichbar sein. Dann gilt es Technik- und Getränketransporte zu bewerkstelligen. Dies ist nicht zu unterschätzen, schließlich werden Boxen, ein Generator und Benzin benötigt. Da sich die meisten Partys über Getränkeverkauf finanzieren, muss auch davon genug aufgetrieben werden. Selten erreicht der gemietete Transporter die genaue Stelle der geplanten Feier, also müssen die Veranstalter selbst Hand anlegen und alles viele Meter durch den Wald tragen. Auch legen alle von ihnen Geld zusammen um das Ganze zunächst zu finanzieren. Ein erhebliches Risiko, bedenkt man, dass im schlimmsten Fall nur 40-50 Besucher erscheinen werden und die Abbruchquote wegen Wetter oder Polizei bei ca. 50% liegt. Oft bleiben sie auf Kosten und Mühen sitzen, klagt Max, weshalb die Motivation zurückgegangen ist. Zudem sich die Crew bereits einen Namen in der Dresdner Clubszene gemacht hat und finanziell gesichert auf offiziellen Partys auflegen kann. Als moralischer Ballast kommt noch die unvermeidbare Störung der natürlichen Umwelt hinzu, zumeist in Landschaftsschutzgebieten. Hier versuchen Max und seine Kollegen vorzusorgen. Sie hängen Müllbeutel aus, räumen am Folgetag auf, „bis zu sechs Stunden manchmal“. Dennoch: jede Scherbe und jeder Zigarettenstummel kann nicht gefunden werden. Auch Lärm und Licht verwirren die Tiere in der Nacht. Warum also die Heide als Location? Zwischen 50 und 300 Menschen haben ihre Partys jeweils besucht, so schätzt Max. Zumeist werden sie über Mund-Zu-Mund-Propaganda erreicht, schnell sprechen sich solche Veranstaltungen im Freundes- und Bekanntenkreis herum, seltener gibt es ein Facebook-Event, denn auch hier gilt, wenn zu viele davon mitbekommen, erhöht dies die Gefahr eines Abbruchs. Wir wollen herausfinden, was die Besucher dazu bringt, lange Wege durch den dunklen Wald auf sich zu nehmen um sich im schlimmsten Fall eine Stunde zu amüsieren, bevor ein frühzeitiges Ende droht. Welcher Reiz treibt sie an?

Zum Einen die Natur, „die Magie des Waldes“, die einer solchen Party ein ganz besonderes Flair verleiht.Heidepartys Außerdem sind diese Partys kostenlos und völlig unkommerziell, es entsteht ein Freiheitsgefühl, keine Regeln, keine Zwänge. Niemand, der einem sagt, was man zu tun oder zu lassen habe, solange man den anderen nicht schadet. Was ist mit dem Umweltschutz? Wird bewerkstelligt, es hängen ja meist überall Müllsäcke und man passt schon auf, dass nichts liegen bleibt und sowieso, viel schlimmer als eine Gruppe Wanderer sei eine Gruppe Feiernder auch nicht. Doch auch mit der größten Obacht und langwierigen Aufräumarbeiten am nächsten Tag, können die Überreste einer solchen Party nicht zu 100% verschwinden. Des Weiteren sollte auch die Störung der Tiere nicht außer Acht gelassen werden. Dies weiß Dr. Markus Biernath, Leiter des Forstbezirks Dresden. Oft finden er und seine Kollegen die Überreste einer FreeTek im Wald. Müll, Zigarettenstummel, Scherben, breitgetretene Pflanzen und Gräser sowie Exkremente gehören dazu. Was weder Max, noch die meisten Partygäste wissen: Die gesamte Dresdner Heide ist ein Landschaftsschutzgebiet. Pflanzen und Tiere können hier ungestört wachsen und leben, die Stadtnähe soll die Dresdner zur Erholung einladen. Es kommt nicht selten vor, dass das Forstamt Tiere mit Schnittwunden findet. Ob die verursachenden Scherben tatsächlich von einer Party stammen, lässt sich schlecht nachverfolgen. Auf jeden Fall wird der natürliche Lebensraum beeinträchtigt, auch die erhöhte Waldbrandgefahr durch Rauchen stellt ein Problem dar. Die Kehrseite der Medaille von Spaß und Freiheit sollte definitiv nicht außen vor gelassen werden.

Wie kann ein Kompromiss gefunden werden? Ich frage Herrn Dr. Biernath, ob es nicht möglich wäre, solche Veranstaltungen zu legalisieren. Auf dem Papier ginge dies, nur sei die Wahrscheinlichkeit einer Genehmigung verschwindend gering, wenn nicht gar auszuschließen. Die Auswirkungen auf die Umwelt seien einfach zu groß. Des Weiteren stellt sich die Frage, ob dies von der Partygemeinde überhaupt gewollt ist, ginge es doch mit einem Verlust des Reizes am Illegalen einher. Privatwälder sind eine Option, allerdings werden die Wenigsten jemanden kennen, der in Besitz eines solchen Gebiets und bereit dazu ist, auf ebenjenem Gebiet eine solche Party veranstalten zu lassen. Außerdem sind die meisten dieser Waldgebiete nah an Wohngegenden, womit wieder das Problem der nächtlichen Ruhestörung auftritt. Leerstehende Fabrikgebäude können und werden auch regelmäßig ebenso genutzt, bringen aber nicht die Mystik und das Freiheitsgefühl eines Waldes auf. Es scheint, als könnte keine Lösung gefunden werden, die für beide Seiten zufriedenstellend wäre. Max jedenfalls schließt nicht aus, dass es im Sommer wieder zu Partys kommen wird, er und seine Crew werden dies aber spontan entscheiden, so wahrscheinlich auch die ca. 10 anderen Gruppen, die regelmäßig dazu einladen. Dr. Markus Biernath mahnt indes und weist auf die Erholungsfunktion des Waldes hin, lädt desweiteren als Alternative zu informativen Wald- und Bürgerfesten ein. Hütten können zudem angemietet werden, um so im kleinen und legalen Kreis die Natur in vollen Zügen genießen zu können, auch nächtens. Schlussendlich kann jeder selbst entscheiden, zu welchen Zwecken er die Dresdner Heide nutzt, sollte sich dabei aber immer seiner Verantwortung der Natur gegenüber bewusst sein.

 

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