Wo sich Vielfalt und Mainstream die Hände reichen

Die grauen, verregneten Tage der ersten Monate des neuen Jahres, welche ich mit Prüfungszeit, Lernen und Tiefkühlpizza verbinde, liegen endlich hinter uns. Tschüss Stress, hallo Leben! Endlich März, endlich Sonne, endlich wieder eine Neustadt voller Menschen, die mit der Sonne um die Wette strahlen. Vermutlich gibt es kaum einen Studierenden, der den Charme dieses Stadtviertels noch nicht kennen lernen durfte. 

Es ist, als würde uns die Sonne einladen, den Tag im Freien zu verbringen, den Grill zu entstauben und sorgenfrei ein Bierchen im Alaunpark zu trinken, bevor man abends in den unzähligen Bars verschwindet oder die immer noch warme Luft auf den Straßen genießt. Nicht nur Studierende kennen die Leichtigkeit der Neustadt, auch Familien mit kleinen Kindern wissen diese zu schätzen und suchen sich ein Heim, irgendwo zwischen Albertplatz und dem Kulturzentrum „Zeitenströmung“. Ob jung oder alt, Kind oder Erwachsener, Nacht- oder Tagmensch, alle sind willkommen. Das gibt der oft als Szeneviertel bezeichnete Teil Dresdens zumindest vor.

Doch wie viel ist von der ursprünglichen Vielfalt und Individualität eigentlich noch übrig? Schauen wir einige Jahre zurück, als an PEGIDA noch lange nicht zu denken war und die Neustadt den Rebellierenden gehörte. Hätte mich damals jemand nach einer Definition von Individualität gefragt, wäre dieses Stadtviertel vermutlich meine Antwort gewesen. Die Dresdner Neustadt war ein Sammelbecken von Menschen, die sich nicht mit den gesellschaftlichen Normen identifizieren konnte und vor allem nicht wollte. Jeder aß was er mochte, schlief wann immer es ihm gefiel, liebte wen er wollte. Jeder fand seinen Platz, da die Wohnungen mit ihren kleinen Balkons von der Stadt vernachlässigt wurden und somit keine Goldgrube darstellten. Es bildete sich eine Kultur, eine Verschmelzung aller Lebensarten, welche nicht von vornherein vorgegeben war. Menschen, die sich mit ihrer Lebensart abheben wollten, wurden genau hier fündig – Kontraste waren gewollt, nur unkonventionell sollte es sein. So siedelten sich immer mehr Bars und Geschäfte an, Orte an denen Konzerte stattfinden konnten, Ateliers, Treffpunkte für Freidenkende. Genau diese Vielfalt sollte zelebriert werden, weshalb 1990 die erste „Bunte Republik Neustadt“ ins Leben gerufen wurde – ein Fest für alle, bei dem es eine Art Verfassung gab, außerdem eigenes Geld und eigene Pässe. Doch wem gehört dieses Stadtviertel heute? Von den Wurzeln des Stadtteilfestes ist meiner Meinung nach nicht viel geblieben. Natürlich wird das Fest nach wie vor jedes Jahr veranstaltet, doch statt gemeinsam zu tanzen und alle Vorurteile zu Hause zu lassen, drängt man sich durch die Straßen der Neustadt, verliert seine Freunde aus den Augen, kippt sich sein Getränk über, weil man mal wieder zur Seite gestoßen wurde und hat kaum einen Moment Zeit, das Fest zu genießen. BRN ist in den letzten Jahren „mainstream“ geworden und das ist verdammt schade, da die eigentliche Idee, nämlich die Liebe zur Vielfalt, untergeht. Menschen sind nicht daran interessiert, sich auf die zahlreichen DJ’s einzulassen, die die kleinen Balkons nutzen, um ihre Musik zu spielen. Menschen gehen ohne einen Blick an den Musikern vorbei, die sich eine kleine Bühne an einer Straßenecke aufgebaut haben und sie sitzen im Alauenpark, obwohl ihnen die dort gespielte Musik nicht gefällt. Hauptgrund vieler Besucher der BRN ist nicht mehr der kulturelle Aspekt, sondern das Fest mit einer möglichst hohen Promillezahl zu verlassen. Was denken die Gründer der „Bunten Republik Neustadt“ wohl darüber? Ihr Ziel war es sicher nicht, einen Trend zu erschaffen, sondern vielmehr das Leben, die Freiheit, die Musik und die Liebe zu feiern.

Doch nicht nur der Mainstream hinterlässt seine Spuren. Die Dresdner Neustadt ist zu einem der beliebtesten Viertel geworden, aber somit auch teuer. Mietpreise steigen und steigen, Geringverdiener werden beinahe ausgegrenzt. Teure, „hippe“ Burgerketten siedeln sich an und verdrängen alt eingesessene Ateliers, Häuser werden abgerissen oder für viel Geld saniert.

Wem gehört also die Neustadt heute? Darüber gibt es vermutlich so viele Meinungen wie Wege nach Rom oder Burgerladen in der Neustadt. Mein Appell geht an die Leute, die die Neustadt nicht wegen ihrer schönen Häuser, der offenen Menschen und dieser ganz bestimmten Atmosphäre lieben, sondern mögen, weil das eben alle tun und dabei vergessen, sich ab und zu auch auf die Wurzeln des Viertels zu besinnen. Denn all das sollte die Neustadt sein: Toleranz, Vielfalt und Freude.

Von Juliane Peschel

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